Bild: Frack des Grenadieroffiziers Hptm Emanuel von Vincenz im 1. Fremdenregiment des Kirchenstaates, um 1855

02-2012 Mailand – von Barbarossa bis Mussolini

12.04.2012 - 14.04.2012

 

Während drei Tagen führt Sie ihr Reiseleiter Christoph Baumann zu bedeutenden Sehenswürdigkeiten Mailands. Thematisiert werden historische und militärhistorische Ereignisse, welche die Stadt geprägt haben. Sie besuchen aber auch auserlesene Stätten des Kunstgeschehens.

Mailand als römische Kaiserstadt. Hochbedeutendes Wirken der Erzbischöfe und Kirchenväter Ambrosius und Augustin. Mailand im Konflikt mit der deutschen Kaiserpolitik: Barbarossas Straffeldzug von 1162. Die Stadt als Kommune und prunkvoller Sitz der Visconti und Sforza. Mailand im Fokus französischer Italienpolitik und als Besitz der spanischen und österreichischen Habsburger. Episode Napoleons I. Aufstand von 1848 – Radetzky – Risorgimento. Die Stadt als Ort von Mussolinis Aufstieg und Fall.

Donnerstag

08.00     Abfahrt mit dem Zug ab Zürich Hauptbahnhof

Check-in im Hotel. Nachmittags Besuch des Museo Archeologico: römisches und mittelalterliches Mailand (Stadtmodell mit Stadtmauern; Ausstellungsobjekte bedeutender Funde). S. Ambrogio: ein Juwel Mailands. Mussolinis Tempio di Vittoria; die Pusterla (mittelalterliche Stadtbefestigung). Abendessen (fak.)

Freitag

Brera: Napoleons I. Pinakothek der Meisterwerke. Museo del Risorgimento: einzigartige originale Ausstellungsobjekte im Rahmen der Kämpfe Napoleons I., des Aufstandes von 1848 – Cinque Giornate – Radetzky – und des Risorgimento. Nach dem Mittagessen Besuch des Castello Sforzesco: Festungswerk des Francesco Sforza (1451). Im Museum richten wir unsere Aufmerksamkeit unter anderem auf das Grabmal Gastons de Foix (Schlacht bei Ravenna), Pietà Rondanini (Michelangelo), Madonna in Gloria (Mantegna) und Madonna con Bambino (Giovanni Bellini). Nach dem Abendessen Stadtspaziergang (fak.)

Samstag

Mailänder Dom. Denkmal der „Cinque Giornate“ (Kampf gegen Radetzky). Die Porta Ticinese (Triumphportal für Napoleon I.) Darsena (Flusshafen des Ticino). S. Eustorgio (Reliquiar der Heiligen Drei Könige, Kappelle des Portinari). Nach dem Mittagessen zur Porta Ticinese medievale (mittelalterliches Stadttor), S. Lorenzo Maggiore (römische Palastbaute, bedeutende Kirchenanlage Mailands).

17:10     Abfahrt Milano Centrale

20:59     Ankunft Zürich Hauptbahnhof

Reiseleitung

Christoph Baumann, Dr. med et phil I, Stäfa

Manni Meiers Fotogalerie

Reisebericht

Mailand

Um es gleich vorweg zu nehmen: Mailand ist viel, viel mehr als ein Bahnhof à la Mussolini, den man gerade eben noch vom Umsteigen kennt, viel mehr als der Domplatz mit den Galerien, viel mehr als Panettone und bestenfalls noch Alta Moda. Mailand ist eine Schatzkammer mit unzähligen Sehenswürdigkeiten und Kostbarkeiten, die wir unmöglich in den drei uns zur Verfügung stehenden Tagen alle erfassen und würdigen konnten.

Ohne Probleme gelangten wir am ersten Reisetag unter kompetenter Führung unseres Reiseleiters Dr. Christoph Baumann von Milano Centrale rasch per U-Bahn zu unserem eleganten, komfortablen Hotel De La Ville unweit des Domes. Nach einem stärkenden Mittagessen begann der Nachmittag mit dem Besuch der Kirche S. Maurizio, deren Innenraum über und über mit den herrlichen Fresken von Bernardino Luini bemalt ist. Stark beeinflusst von Leonardo da Vinci, war dieser Maler für seine Wandgemälde in Kirchen und Palästen in der Lombardei und im Tessin berühmt. S. Maurizio gehört eigentlich zu einem ehemaligen Benediktinerinnenkloster, in dem auch das Museo Archeologico untergebracht ist.

Die Geschichte Mailands beginnt etwa um 400 v. Chr. wahrscheinlich als keltische Gründung – auf etruskischen und ligurischen Vorgängersiedlungen. Ca. um 200 v. Chr. Eroberten es die Römer zusammen mit Como und gründeten weitere Kolonien in der Poebene, so das heutige Piacenza, Cremona und Modena. Nach Rückschlägen war ab 191 v. Chr. Mailand fest in römischer Hand. Die ursprünglich keltische Ortsbezeichnung wurde in Mediolanum latinisiert, was etwa „Ort in der Mitte“ bedeutet. So befindet sich das Museo Archeologico bzw. ehemalige Kloster direkt auf den Fundamenten einer römischen Villa und in unmittelbarer Nähe von römischen Stadtmauern, einem Zirkus und dem Kaiserpalast. – Von den Exponaten sind vor allem in Erinnerung geblieben das Stadtmodell des alten Mailand mit den römischen, mittelalterlichen und spanischen Mauerringen und den vielen leeren Flächen, die heute alle überbaut sind. Weiter besonders spektakulär die silberne Patera (eine flache Schale für Trankopfer) mit der Darstellung des Triumphzuges der kleinasiatischen antiken Fruchtbarkeitsgöttin Kybele, auch Magna Mater genannt. Immer wieder hat es Christoph Baumann exzellent verstanden, Querbezüge herzustellen, so auch hier von der Grossen nicht gebärenden Mutter aus der heidnischen Antike zur Jungfrauengeburt von Maria im Christentum. Als dritte Kostbarkeit an diesem Nachmittag erwartete uns die Kirche S. Ambrogio: Sie giltals das Meisterwerk der lombardischen Hochromanik, hat in ihrer Anlage allerdings wenig mit den romanischen Kirchen gemein, wie wir sie von der Schweiz her kennen. Sie fällt vielmehr durch ihre niedrige, breite Form auf, das Mittelschiff ist ohne Obergaden, also ziemlich dunkel, es gibt kein Querschiff. Umso mehr besticht der monumentale Zugang, das sog. Atrium mit seinen Säulengängen auf vier Seiten und die originelle Fassade mit schrägen Dachflächen sowie die streng symmetrisch angeordneten Arkaden in der südlich anmutenden Loggia. Im dunklen Kirchenraum fällt ein aussergewöhnlicher vergoldeter Altar ins Auge, auch das ein Meisterstück, karolingische Goldschmiedekunst aus dem 9. Jh. Wie der Name sagt, ist die Kirche dem heiligen Ambrosius (339-397) geweiht, Bischof von Mailand und eine der führenden Persönlichkeiten in der abendländischen Kirche. Neben andern bedeutenden Leistungen geht die Einführung der Ambrosianischen Liturgie und der Ambrosianischen Hymnen auf ihn zurück. Diesen ersten Reisetag liessen wir am Abend bei reichlich Grappa und Gesprächen über Gott und die Welt in der schönen Hotelbar würdig ausklingen.

Der zweite Reisetag war ganz unterschiedlichen Superkostbarkeiten gewidmet, die leider viel zu wenig bekannt sind. In der Nähe des Stadtzentrums befindet sich die Pinacoteca di Brera. Diese wundervoll um einen Innenhof herum erbaute, einstöckige Galerie hat eine sehr bewegte Geschichte, wurde sie doch zunächst als Kloster des Humiliatenordens gebaut, im 16. Jh. von den Jesuiten übernommen und als Schule geplant. Es dauerte sehr lange unter spanischer Hoheit (1535–1714), bis das Gebäude in lombardischer Barockarchitektur fertig gestellt war. Mit der Aufhebung des Jesuitenordens unter österreichischer Herrschaft wurde sie dazu bestimmt, ein grosses Museum und eine Akademie der Künste zu werden. Der berühmte Maler Giovanni Segantini hat z. B. dort studiert. Das neue Museum erhielt zunächst einen Kernbestand von Stichen, Gipsen, Abdrücken sowie von Gemälden aus abgerissenen Kirchen und Klöstern. 1797, mit der Gründung der Zisalpinischen Republik mit Mailand als Hauptstadt, begann der Aufschwung der nunmehr staatlichen Pinakothek.

Als Napoleon I. 1805 in Mailand zum König von Italien gekrönt wurde – dies mit der berühmten Eisernen Krone der Langobarden – wurden viele Werke aus säkularisierten Kirchen und Klöstern aus der Lombardei und sogar aus Venetien herbeigeschafft. Das entsprach dem Wunsch von Napoleon, aufklärerisch die Wissensvermittlung, aber auch das Nationalgefühl zu stärken. So wurden in der Pinakothek neue grosse Säle gebaut, um bedeutende sakrale Kunstwerke zu platzieren. Im oberen Stock entstanden vier „napoleonische “ Säle, die heute noch so heissen und von Napoleon am 15. August 1809, seinem Geburtstag, eröffnet worden sind. Heute gilt die „Brera“ als eines der wichtigsten Staatsmuseen Italiens. Zu ihren Bijoux gehören der „Christo morto“ von Mantegna, „Il Bacio“ von Franceso Hayoz und „L’enfant gras“ von Modigliani, um nur einige Beispiele herauszugreifen.

Das benachbarte Museo del Risorgimento dokumentiert den italienischen Unabhängigkeitskampf im 19. Jh.: Ging es anfangs um die Einführung demokratischer Verfassungen, so zielte das Programm von Giuseppe Mazzini schliesslich vor allem in Mailand ab 1848, nach dem Sturz von Metternich in Wien, auf die Beseitigung der verhassten österreichischen Herrschaft. Die bewaffnete Bevölkerung konnte anfänglich die Truppen von Radetzky aus Mailand vertreiben und die neue italienische Trikolore auf dem Dom hissen. Trotz der Hilfe von Garibaldi und Siegen des Tessiners Arcioni waren die Mailänder zu schwach. Erst als König Karl Albert von Sardinien-Piemont die Aufständischen unterstützte, gab es im 1. Unabhängigkeitskrieg 1848/49 Erfolge. Leider waren die Generäle der Sardinier – z. T. Ausländer ohne Italienischkenntnisse – eher unfähig, sodass Radetzky obenaus schwang und als Generalgouverneur bis zu seinem Tod 1858 in Oberitalien regierte. 1859 wendete sich das Blatt, indem Frankreich den Oberitalienern gegen Österreich half und sie gemeinsam bei Magenta siegten: Kaiser Napoleon III. und Vittorio Emanuele zogen bald siegreich in Mailand ein. Nach den beiden blutigen Schlachten bei San Martino und Solferino – bekannt durch die Präsenz des Rotkreuzgründers Henri Dunant – wurde von Kaiser Franz Josef der Waffenstillstand von Villfafranca unterzeichnet. Der Friedensvertrag von Zürich vom 10. November 1859 hatte die Abtretung der Lombardei an Piemont zur Folge, worauf der Freiheitskämpfer Cavour sich gegen die Durchführung des Vertrags auflehnte. Erst im Frieden von Turin 1860 wurde eine solide Basis für einen italienischen Nationalstaat gefunden.

Das Castello Sforzesco war eine weitere Perle unseres zweiten Reisetages. Ursprünglich ein Element zum Schutz von Mailand, sind von diesem Abwehrsystem heute noch Spuren der grossen spanischen Mauer und aus späterer Zeit Torbögen von Napoleon vorhanden. Die Festung repräsentiert vor allem die Herzogsgeschlechter von Mailand, so der Visconti und später der Sforza. Sie machten aus der Festung eine prächtige Residenz, die es mit den besten Höfen Europas aufnehmen konnte. Sogar Leonardo da Vinci verschönerte während seines kurzen Aufenthalts in Mailand 1490–92 das Castello mit herrlichen Gewölbedekors in der „Sala delle Asse“ und schuf sein „Abendmahl“ im nahen Kloster S. Maria delle Grazie, das man heute – wegen des grossen Publikumandranges – am besten im Rahmen einer Stadtführung besichtigt. Der mächtigste Sforza, Ludovico „il Moro“, förderte Künste und Wissenschaften in seinem Castello, sodass heute das feine Stadtmuseum viele Sammlungen, nicht nur von den Sforzas, sondern auch von den Spaniern beherbergt. Der Rundgang durch die Räume mit wertvollsten Exponaten schloss mit einem der bekanntesten Meisterwerke der Welt, der Pietà Rondanini von Michelangelo, die er bis wenige Tage vor seinem Tod 1564 bearbeitet hat: Sie zeigt Maria, den Leichnam ihres Sohnes von hinten umarmend.

Der dritte Reisetag begann mit einer interessanten Tramfahrt, zunächst zum Denkmal der Cinque Giornate, das an den erfolgreichen Aufstand der Mailänder vom März 1848 gegen das überlegene österreichische Heer unter Feldmarschall Radetzky erinnert (vgl. oben). Auf dieser Fahrt beeindruckten weiter die immensen Mauerreste (vgl. oben) aus spanischer Zeit und verschiedene Stadttore, die – im Gegensatz zu den Stadtmauern, die eher Verkehrshindernisse waren – im 19. Jh. verkehrsgerecht ausgestaltet und z. T. historistisch umgebaut worden sind. So begegneten wir einer klassizistischen Porta Ticinese, die ein Triumphportal für Napoleon I. war, neben einer reizenden Porta Ticinese Medievale, durch die der Verkehr fliesst.

Die Anfänge der Basilika S. Eustorgio, die wir als nächste besuchten, gehen ins IV. Jahrhundert zurück, als der 9. Bischof Mailands, Eustorgius lebte. Dieser soll die Gebeine und Reliquien der Heiligen Drei Könige auf einem Karren von Konstantinopel nach Mailand gebracht haben, wo sie fast 700 Jahre vergessen worden sind. Erst Kaiser Barbarossa hat im 12. Jh. nach der Zerstörung der Kirche die Reliquien nach Köln verschleppt, wo sie angeblich heute noch im Dom in einem herrlichen Schrein aufbewahrt werden. Unser Reiseleiter machte uns bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, dass es aus diesem Grund noch heute auf dem Weg von Mailand nach Köln viele Hotels und Gasthöfe „Zu den drei Königen“ gibt, wieder einer von diesen spannenden Querverweisen!

Ein architektonisches Highlight stellt die Basilika S. Lorenzo dar, eines der ältesten und bedeutendsten Gebäude Mailands, dessen bauliche Strukturen auf das Ende des 4. Jh. zurückgehen. Die Hauptstadt des römischen Reiches wurde damals von Trier nach Mediolanum verlegt. Die Kirche wurde allerdings im Laufe der Zeit stark verändert und hat mit ihrer Kuppel und ihren vier Türmen eher einen byzantinischen Charakter. Der weitläufige Kirchplatz ist von 16 korinthischen Marmorsäulen gesäumt, und in der Mitte steht eine Bronzestatue von Kaiser Konstantin, der im Jahre 313 mit dem sogenannten Mailänder Edikt dem ChristentumToleranz im ganzen römischen Reich garantiert hat.

Der Besuch des Mailänder Domes war der unverzichtbare Schlusspunkt unserer Reise, eine Sehenswürdigkeit, die natürlich alle bestens zu kennen glaubten. Jede Andacht in der Kirche war leider durch die Scharen von Touristen – zu denen wir aber auch gehörten! -verunmöglicht, da leisteten die Audiophone wirklich gute Dienste. Dass sich auf dem Areal des Domplatzes und des Domes im Untergrund jedoch noch weitere Kirchen und Baptisterien verbergen, hatte niemand vermutet. Die wunderschöne oktogonale Form der einen Taufkapelle bedeutet zwei Mal die vier Himmelsrichtungen, erfuhren wir vom Reiseleiter, hier sei Augustin von Ambrosius getauft worden.

Die besuchten Sehenswürdigkeiten boten uns (fast zu) viele Eindrücke, man möchte nur zu gerne noch viele Male nach Mailand zurückkehren. Dies dürfte nicht mehr schwierig sein, wenn Mailand ab 2016 von Zürich in weniger als zwei Stunden zu erreichen sein wird!

Ganz zum Schluss geht ein grosser Dank an unseren Reiseleiter Dr. Christoph Baumann, der mit seinen ausgezeichneten Referaten und seiner umfangreichen, wissenschaftlichen Dokumentation diese Reise für uns zu einer ganz besonderen gemacht hat. Immer wieder hat er auch mit sorgfältig ausgesuchten Restaurants an unser leibliches Wohl gedacht, damit wir uns von den vielen Eindrücken erholen und sie diskutieren und verarbeiten konnten.

Texte: Heidi Willumat (Liebefeld), 1. und 3. Tag Dr. Charles Ott (Vico Morcote), 2. Tag