Bild: Ausgangsuniform eines Adjutant-Unteroffiziers des Schweizer UN-Kontingents, 1995

22-2012 Festungen von Folgaria und Lavarone

06.09.2012 - 09.09.2012

 

Im Gebiet von Folgaria und Lavarone stand im ersten Weltkrieg eine soeben fertig gestellte und damit modernst ausgerüstete österreichische Festungslinie den nur geringfügig älteren italienischen Werken gegenüber. Mit Jürg Schucan  besuchen Sie einige davon…

Donnerstag

06.50     Treffpunkt Zürich, HB

Bahnreise von Zürich HB über Milano/Verona nach Trento. Mittagessen fakultativ. Von dort Fahrt mit dem Bus über den spektakulären Kaiserjägerweg auf die Hochflächen. Besuch des Centro Documentazione Luserna, wo unter anderem auch ein Modell der Festung Lusern zu besichtigen ist. Begrüssung durch den Gemeindepräsidenten auf Zimbrisch. Abendessen und Übernachtung

Freitag

Am zweiten Tag werden wir das freigelegte und teilweise wieder etwas hergestellte Werk Lusern mit seinen beiden Aussenwerken Viaz und Oberwiesen besichtigen. Mittagessen in einem gemütlichen Lokal in Lusern. Der Nachmittag ist für den Besuch des Werks Gschwent (Belvedere) reserviert, dem einzigen noch ganz erhaltenen österreichischen Werk, in dem sich auch ein gut dokumentiertes Museum befindet. Dann sehen wir uns die einzigartige optische Verbindungszentrale auf dem Monte Rust an und am Abend ist eine Diashow über die Entstehungsgeschichte und die Bewährung der Werke mit historischen Fotos vorgesehen. Abendessen und Übernachtung

Samstag

Der dritte Tag gilt der Besichtigung von zwei Werken, die sich quasi im Duell gegenüberstanden: dem nie fertig gebauten italienischen Werk Campomolon mit seinem eigentümlichen hufeisenförmigen Tunnel und dem gegenüberliegenden Werk Cherle. Mittagessen in der schön gelegenen Malga le Fratte. Am Nachmittag begehen wir die Kaisertreppe, fahren dann nach Rovereto und besichtigen dort das Museo della Guerra. Abendessen und Übernachtung in Rovereto

Sonntag

Am Morgen des vierten Tages bleibt genügend Zeit, um das modernste aber unvollendete Werk der Österreicher, Valmorbia, zu besichtigen, das letztes Jahr mit einem Aufwand von EUR 890‘000.- begehbar gemacht wurde. Dieses Werk und seine Geschichte sind allein die Reise wert. Die Rückfahrt ist am frühen Nachmittag ab Rovereto (über Innsbruck) vorgesehen. Mittagessen unterwegs als Picknick

21.20     ca. Ankunft in Zürich HB

Ausrüstung

Gültiger Pass oder Identitätskarte, gutes Schuhwerk, bequeme Reisekleidung, dem Wetter angepasst, Taschenlampe, Feldstecher. Karten 1:50‘000 Kompass Nr. 75 (Trento-Levico-Lavarone) und Nr. 101 (Rovereto-Monte Passubio)

Reiseleitung

Jürg Schucan, Dr., Küsnacht

Fotogalerie

mit Bildern von Georg Schwarz und Claudia Albisser Hund

 

Dr. Hans Jenny’s Reisebericht

Nach dem Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar in Sarajewo sah der österreichische Feldzugplan eine rasche durchschlagende Offensive gegen Serbien vor. Von den auf Serbien konzentrierten starken Kräften musste allerdings eine ganze Armee nach Galizien umdisponiert werden, an die russische Front also. Der Feldzug in den Karpaten erwies sich als eine Katastrophe, von der sich Österreich nicht mehr erholen sollte. 1’268’696 Österreicher waren bis Ende Dezember 1914 gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft geraten. Am 26. April 1915 unterzeichneten die Vertreter des bislang neutralen Italien in London einen Vertrag, der im Falle eines Kriegseintrittes Italien sowohl Tirol bis zur Brennergrenze als auch Triest und das istrische Küstenland versprach. Mit dem Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente am 23. Mai 1915 flammte aber der Widerstandsgeist der bedrohten Tiroler, Kärntner und Slowenen heftig auf. Man verfügte über eine Anzahl Grenzbefestigungen, und der Grenzverlauf war für italienische Angriffsoperationen nicht günstig. Dies der historische Hintergrund unserer Reise.

Nach Umsteigen in Mailand (der Cisalpino hatte Verspätung) und in Verona, erreichte unsere Gruppe von 17 interessierten Teilnehmern bei strahlend schönem Wetter Trient. Von hier aus ging es mit zwei Kleinbussen über den – ohne zu übertreiben – spektakulären Kaiserjägerweg nach Luserna, wo wir vom enorm aktiven Präsidenten des Centro Documentazione und langjährigen Gemeindepräsidenten Sig. Luigi Nicolussi auf Kimbrisch begrüsst wurden. Kimbrisch ist eine Sprache, die nur noch von einigen Tausend Menschen in dieser Gegend, einer eigentlichen Sprachinsel, gesprochen, gepflegt und lebendig erhalten wird. Anschliessend besuchten wir das Dokumentationszentrum Lusern, das eine Sonderausstellung zu den Kämpfen in Galizien zeigte. Von der Gemeinde Lusern gegründet, hat das Centro zum Ziel, geschichtliche Ereignisse und die Geschichte der kimbrischen Sprachinsel und ihrer umliegenden Gebiete zu erforschen und bekannt zu machen. Anschliessend bezogen wir Unterkunft im gemütlichen Hotel-Restaurant Lusernarhof.

Der nächste Tag stand im Zeichen der Werke Lusern und Gschwent. Unter den sieben österreichisch-ungarischen Werken der Hochebenen war das Werk Lusern mit seinen beiden Aussenwerken Viaz und Oberwiesen das wichtigste und am meisten umkämpfte.

Die österreichischen Werke wurden alle zwischen 1907 und 1912 gebaut und hatten durchaus offensiven Charakter. Ihre Aufgabe war, den geplanten Aufmarsch der nach Venetien stossenden Truppen zu decken. Dank ihrer Konstruktion waren die österreichischen Werke widerstandsfähiger als die italienischen, bei denen auf Eisenträger verzichtet und eine schlechtere Betonqualität gewählt wurde. So war eine Bombensicherheit gegen Mörsergeschosse vom Kaliber 24 cm, später sogar von 30,5 cm sichergestellt. Die italienischen Werke waren allerdings gegenüber den österreichischen höher gelegen, ein Nachteil für die Österreicher, der trotz noch so gut ausgewählter Standorte ihrer Werke nicht auszugleichen war. Der Bestand des Werkes Lusern umfasste 312 Mann als Garnison sowie 255 Mann als sogenannte Sicherheitsgarnison. Allerdings war die Besatzung des Forts zum Zeitpunkt der italienischen Kriegserklärung noch ohne jede Fronterfahrung. Vom 24. Mai 1915 bis zum 20. Mai 1916 wurde die Festung mit 200 Granaten zu 30,5 cm, 8’100 von 28 cm und 16’000 Granaten von 14,9 cm beschossen. 1916, als sich die Festung Lusern bereits in der „Etappe“ infolge des österreichischen Vorstosses Richtung Asiago befand, errichtete die Garnison ein Denkmal zur Erinnerung an die gefallenen Kameraden. Diese Maioffensive von 1916 wurde später von den Italienern als Strafexpedition bezeichnet. Kurze Besuche des hart umkämpften Infanteriestützpunktes Basson, der neu aufgebauten Santa Zita-Kapelle und des Friedhofs Cost‘ Alta beendeten das Morgenprogramm.

Der Nachmittag war dem Besuch des Werkes Gschwent (oder Belvedere) gewidmet, dem einzigen noch ganz erhaltenen österreichischen Werk. Es war als einziges den zerstörerischen Stahlbeschaffungsmassnahmen des faschistischen Italien der Dreissiger Jahre entgangen.

Ein sehenswertes Museum machte den Besuch besonders lohnenswert. Als Verbindungsmittel zwischen den verschiedenen Festungen diente primär das Telefon, sekundär jedoch waren die Werke durch optische Signalstationen verbunden, vordergründig primitiv, aber durchaus brauchbar und nützlich bei zerstörten Telefonleitungen. Nach dem Besuch der optischen Zentrale auf dem Monte Rust kehrten wir nach Lusern zurück.

Der dritte Tag war den beiden sich gegenüber liegenden Werken Campomolon und Cherle (Sebastiano) gewidmet. Während von Stellungen rund um das nie fertig gebaute italienische Werk Campomolon das Dorf Lusern sowie die Werke Cherle und Sommo unter Feuer genommen wurden, verschossen die Haubitzen des Werkes Sebastiano 21’647 Granaten, nicht zuletzt zur Unterstützung der Mai-Offensive. Nach einem gemütlichen Mittagessen in der Malga le Fratte bestiegen wir die „Kaisertreppe“ (eigens für den Truppenbesuch von Kaiser Karl erstellt) und erfuhren mit einigem Schaudern die Erläuterungen unseres Referenten Dr. Heinz Hürzeler zum damaligen Sanitätsdienst. Nun blieb noch Zeit für die Verschiebung nach Rovereto und den Besuch des Museo della Guerra, das mit einer Sonderausstellung die Kämpfe um den Pasubio behandelte.

Der letzte Tag führte uns zum modernsten, jedoch unvollendeten Werk der Österreicher, Valmorbia oder Forte Pozzacchio. Mit einem Aufwand von einer knappen Million Euro wird es gegenwärtig renoviert und begehbarer gemacht. Eindrücklich ist nicht nur das Werk selber, sondern auch seine ausserordentlich exponierte Lage am Rande einer tiefen Schlucht.

Wir wurden empfangen vom Gemeindepräsidenten der Comune di Trambileno, Sig. Renato Bisoffi, dem Präsidenten des Vereins ACR II Forte, Sig. Nino Delbianco, der uns die Kämpfe um das Werk, das zwei Mal den Besitzer wechselte, näher brachte, dem zuständigen Architekten und der lokalen Feuerwehr, die uns mit ihren blitzblank geputzten Landrovern auf steiniger Strasse ins Werk fuhren. Nach der Besichtigung des Werkes Valmorbia wurden wir von der Comune di Trabileno zu einem gemütlichen Beisammensein mit den uns begleitenden Personen in einer lokalen Gaststätte eingeladen, was den Besuch des letzten Werkes dieser Reise auf höchst erfreuliche Weise abrundete.

Eine schöne und abwechslungsreiche Heimreise über den Brenner und Innsbruck ermöglichte es den Teilnehmern, nicht nur das Ungewohnte, Unbekannte des Gesehenen nochmals Revue passieren zu lassen, sondern auch dem kompetenten Reiseleiter und Reiseplaner, Dr. Jürg Schucan, herzlich für sein Engagement zu danken.

Text: Dr. Hans Jenny (Zürich)