Bild: Uniformjacke eines Zuaven in päpstlichen Diensten, um 1870

24-2014 Peenemünde – Insel Rügen

18.09.2014 - 21.09.2014

PEENEMUENDE 01

Meer und Natur – Schiffe und Raketen, dies die Stichworte unseres Reiseleiters Jürg Schucan zur thematischen Kurzumschreibung dieser neu konzipierten, erweiterten Wiederholungsreise (2006) in den hohen Norden Deutschlands.

Mecklenburg-Vorpommern war das Land der Junker und der Tagelöhner. Die mecklenburgischen Herzöge und ein paar Grossgrundbesitzer entschieden bis 1918 über die Geschicke von Land und Leuten. Auch unter der Weimarer Republik kam es zu keiner wesentlichen Besserung der Situation.

Wenigstens blieb durch die Rückständigkeit des Landes die Natur weitestgehend unberührt. Die Naturschönheit und die Abgeschiedenheit der Region steht in engem Zusammenhang mit der Mehrzahl unserer Reiseziele: Der jugendliche Otto Lilienthal beobachtete hier Störche, Schwäne und Bussarde, und die Organisation „Kraft durch Freude“ errichtete auf Rügen das gigantische Seebad Prora.

Die Abgeschiedenheit war für die Militärs besonders attraktiv: Auf der Halbinsel Bug unterhielt die kaiserliche Marine eine Seeflugstation, dann diente der Bug der Volksmarine als Stützpunkt um dann – mindestens im Süden – Teil eines Nationalparks zu werden. Auch Wernher von Braun fand hier, was er suchte, und am Ort des völlig verschlafenen Fischerdorfs Peenemünde wurde das erste Raketentestzentrum der Welt errichtet.

Reiseprogramm

Donnerstag
0850 Abflug ab Zürich mit Swiss nach Berlin Tegel. Carfahrt nach Prenzlau. Mittagessen am Unteruckersee. Weiterfahrt nach Anklam. Besuch des Lilienthal-Museums. Weiterfahrt nach Stralsund. Zimmerbezug (drei Nächte), Abendessen und Übernachtung*** in der bekannten Hansestadt an der Ostsee.

Freitag
Fahrt nach Peenemünde. Hier landete 1630 Gustav II Adolf von Schweden mit seiner Streitmacht, und über dreihundert Jahre später entstand in Peenemünde das Zentrum der deutschen Raketentechnik. Besuch des Historisch-Technischen Museums. Besichtigung der Überreste des berühmten Prüfstands VII. Mittagessen. Nachmittags Besichtigung eines sowjetischen U-Boots der baltischen Rotbannerfl otte und eines „Tarantul“-Raketenschiff s“ der ehemaligen Volksmarine der DDR. Ausführungen eines vormaligen Kommandanten der Sechsten Flottille über seine seinerzeitige Aufgabe. Rückfahrt nach Stralsund, Abendessen und Übernachtung***.

Samstag
Fahrt zum Kap Arkona mit seinen berühmten Kreidefelsen. Besichtigung des früheren Gefechtsstandes des Hauptverbandes der Volksmarine, der Sechsten Flottille. Mittagessen. Nachmittags Besuch des vom Architekten Clemens Klotz entworfenen KdF-Seebades Prora, das mit einer Ausdehnung von rund 4.5km eines der grössten Gebäude der Welt sein dürfte. Rückfahrt nach Stralsund, Abendessen und Übernachtung***.

Sonntag
Fahrt zum Schloss Güstrow. Referat zum Thema „Belagerung Stralsunds durch Wallenstein“ und „Bedeutung Norddeutschlands für Wallenstein und Kaiser Ferdinand II“. Mittagessen. Besichtigung der Gedenkstätte Sachsenhausen auf der Rückfahrt nach Berlin. Rückflug mit Swiss nach Zürich. 2005 Landung in Zürich.

Reiseleitung

Dr. Jürg Schucan, Küsnacht

Dr. Hanns Jennys Reisebericht

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ – dieses Zitat aus Goethes Faust könnte sehr wohl das Motiv dieser interessanten Reise sein. So heisst es denn auch im Untertitel der Dokumentation: „Meer und Natur – Schiffe und Raketen“. Man müsste allerdings noch ergänzen: „und die Anfänge der Fliegerei“, aber auch „Wallenstein“ und zuletzt ein kurzer Blick in die Abgründe des 3. Reiches.

Der erste Tag brachte die stattliche Gruppe von 24 Teilnehmern nach Berlin-Tegel und dann per Bus nach Prenzlau. Nach dem Mittagesssen ging es weiter nach Anklam, einem Städtchen, das das Otto-Lilienthal-Museum beherbergt. In der Geburtsstadt des Ingenieurs und Flugpioniers erzählt das kleine, aber feine Museum von einem alten Menschheitstraum, dem Traum vom Fliegen. Es finden sich eine grosse Anzahl von Lilienthals Flugzeugkonstruktionen und man versteht ein wenig besser, warum es so schwierig war, das Fliegen zu erfinden.

Gegen Abend erreichten wir die Stadt Stralsund, eine ehemalige Hansestadt mit gut 60‘000 Einwohnern, was sich deutlich im historischen Stadtbild widerspiegelt. Ein berühmtes Rathaus, die mächtigen Backsteinkirchen, Befestigungswerke und Bürgerhäuser machen die Stadt zu einem Schmuckstück. Im 2. Weltkrieg wurde die Stadt zu 60% zerstört, die Bevölkerung nahm in der Folge drastisch ab.

Der zweite Tag war vollbepackt. Bereits um 0815 verliessen wir Stralsund in Richtung Peenemünde. Auf dem riesigen Gelände (25 km/2) ist eigentlich nichts mehr von der Raketenversuchsanstalt zu sehen, ausser dem massiven Block des eigenen Kraftwerks und den davor aufgestellten beiden Flugbomben V1 und V2. Eine permanente Ausstellung, mit Modellen und vielen Dokumenten, vermittelt eindrücklich die Ambivalenz der Nutzung moderner Technologie: Am 3. Oktober 1942 gelang hier der weltweit erste Start einer V2 Rakete ins All. Ein spektakulärer technischer Durchbruch, der allerdings militärische Überlegenheit zum Ziel hatte. Die Ursprünge der Entwicklung ist mit Personen wie Hermann Oberth, Wernher von Braun, Fritz von

Opel, Walter Dormberger (u.v.andere) verbunden, wobei die Motivation ursprünglich durchaus wissenschaftlicher Natur war. Die Ursprünge der Raketenforschung gehen in die zwanziger Jahre zurück und waren fast immer von Geldnöten geprägt. Ab 1936 (unter der neuen Regierung) wurde Peenemünde gebaut und nach und nach in Betrieb genommen. Hitler liess sich 1939 über die Raketenprojekte orientieren, zeigte aber noch keine grosse Begeisterung. Immerhin liess er weiterbauen. Dies änderte sich nach einem Besuch von Brauns und Dornbergers im Führerhauptquartier Wolfsschanze im Juli 1943, sah Hitler doch nun doch die Möglichkeit, V2 Raketen nicht nur von Stellungen motorisierter Batterien, sondern auch aus Grossbunkern zu verschiessen. Die Massenproduktion wurde wegen der alliierten Luftangriffe in unterirdische Stollen im Harz („Dora“) verlegt. Von den beiden Typen V2 und V1 (letztere eine Art Flugbombe mit Pulsstrahltriebwerk) entstanden bis Ende des Krieges unter unmenschlichen Bedingungen je rund 6000 Stück. Die ausgezeichnete Reisedokumentation bildete (und bildet!) eine hervorragende Grundlage für das Verständnis des gesamten Komplexes.

Die Lage am Meer machte es möglich, nach einem instruktiven Vortrag durch den letzten Kommandanten der 6. Flottille der DDR-Marine, den Kapitän zur See (aD) Werner Murzinowsky, ein Raketenschiff („Tarantul“) innen und aussen zu erkunden. Die Besichtigung eines ehemals sowjetrussischen U-Boots („Juliett“) rundete den Tag ab. Zwei Filme über die 6. Flottille vermochten das Gesehene auch nach dem Nachtessen zu vertiefen.

Der Samstag begann wieder recht früh (was wir nun bereits gewohnt waren) und um 0815 Uhr fuhren wir bereits mit unserem Bus ab, an die äusserste Spitze der Insel Rügen zum Kap Arkona. Wohnungen und Zimmer waren überall zu vermieten, kurz: eine schöne Ferienlandschaft. Bis zu „Wende“ war das Kap Arkona nicht zugänglich, während heute die grosse Bunkeranlage, die als Gefechtsstand der 6. Flottille der Volksmarine diente. So gross sie auch ist, hinterlässt die Anlage einen eher verwahrlosten Eindruck. Ein gemütliches Mittagessen liess uns dann aber Arkona als Aussichtspunkt geniessen. Die weltberühmten „Kreidefelsen auf Rügen“, von Caspar David Friedrich gemalt, liessen wir uns natürlich nicht entgehen; das originale Bild kann man ja in Winterthur besichtigen. Gleichsam ein Kontrast-Schock dann das KdF-Seebad Prora. Seine Ausmasse sprengen jede Vorstellung: 4 ½ km lang, direkt am Meer gelegen; hier sollten gleichzeitig 20 000 Personen Ferien machen können.

Zwischen 1936 und 1939 gebaut (und nie ganz vollendet) steht der Komplex heute unter Denkmalschutz. An dem NS-Monumentalbau, der von Anfang an auf Verlangen Hitlers auch als Lazarett vorgesehen war, wird die gefährliche Faszination des Nationalsozialismus spürbar. Ein ehemaliger „Bausoldat“ der Nationalen Volkarmee (bei uns etwa ein Dienstverweigerer) führte uns durchs Gelände und sparte nicht mit sarkastischen Bemerkungen. Der Blick auf’s Meer wird heute weitgehend durch Gebüsch und Bäume verhindert. Ein gemeinsames Abendessen zusammen mit Kapitän a.D.Murzinowski im Fischermann’s Restaurant am Hafen von Stralsund rundete den vollen Tag ab.

Am Sonntag erreichten wir nach einer guten Stunde Güstrow mit seinem dominierenden Schloss. 1628 bis 1630 war Schloss Güstrow die Residenz Wallensteins. Eine fazinierende Persönlichkeit, genau so wie der 30-jährige Krieg 1618 bis 1648. Wir erleben Wallenstein in einem Vortrag über „Wallenstein und Norddeutschland“. Wohl kein Wunder, dass sich Friedrich Schiller sowohl als Professor („Der 30-jährige Krieg“) als auch als Dichter (Wallensteins Lager / Die Piccolomini / Wallensteins Tod) intensiv mit dem Thema befasst hat. Den Abschluss unserer wahrhaften Studienreise bildete ein leider nur kurzer, aber doch eindrücklicher Besuch des Areals des ehemaligen KZ Sachsenhausen, nördlich von Berlin. Ein Besuch im Museum und eine kundige Führerin war bedrückend.

Fazit: eine gelungene und vielseitige Reise, hervorragend dokumentiert und vom Reiseleiter kompetent geführt.

 

Fotos

von Kurt Bürki, Michael Grimmer, Stefan Gubler, Hans Richard, Georg Schwarz und  Hannes von Orelli