Bild: Ausgangsuniform eines Adjutant-Unteroffiziers des Schweizer UN-Kontingents, 1995

Ajoie (1. Durchführung)

07 .05.2011 - 07 .05.2011

 

Die burgundische Pforte ist seit jeher ein bevorzugter Korridor für Feldzüge von Deutschland nach Frankreich und umgekehrt. Dadurch, dass sich die Ajoie auf ca. 17 km in diese Pforte erstreckt, wurde sie immer wieder in Konflikte hineingezogen.

08.45 Treffpunkt vor dem Bahnhof Delémont Fahrt mit Car nach Courgenay. Kaffee/Gipfeli. Einführung in das Tagesthema im Restaurant Petite Gilberte in Courgenay. Fahrt über Col de la Croix an die Grenze bei La Motte. Internierung französischer und polnischer Truppenteile im Juni 1940. Weiterfahrt nach Réclère
11.45 Mittagessen im Restaurant les Grottes in Réclère Fahrt zum Schloss von Blamont: Kriegserklärung der Eidgenossenschaft an Karl den Kühnen im Oktober 1474. Übergabe des Schlosses an eidgenössische Truppen bei deren Einmarsch in die Freigrafschaft im Juli 1815. Weiterfahrt mit Erklärungen über Fahy (Zwischenfall 1944) und Bure (Waffenplatz) und nach Beurnevésin zum Kaffeehalt. Besuch des Dreiländersteins mit Orientierung über die Ereignisse im November 1944. Kurzer Fussmarsch (fak.) nach Réchésy. Weiterfahrt zum Largin. Orientierung über die Lage im Ersten Weltkrieg: Hier begannen die deutsch/französischen Schützengräben, welche sich bis zur Nordsee hinzogen.

Weiterfahrt mit Orientierungen im Bus nach Miécourt (Abschuss des Ballonoffiziers Lt Flury,Oktober 1918), Charmoille (Eintritt des französischen Generals Henri-Honoré Giraud nach seiner Flucht aus deutscher Kriegsgefangenschaft in die Schweiz, April 1942) und Lucelle (Militärstrasse) 18.00 ca. Ankunft in Delémont, Bahnhof

Reiseleitung

Jürg Keller, Br aD, Sugiez

Fotogalerie

Hans-Ulrich Pfenninger’s Reisebericht

Ajoie

Nicht zu Unrecht stellte Reiseleiter Jürg Keller Br a D in der Dokumentation zu dieser Tagesexkursion die Geographie an den Anfang. Der per 1. Januar 1979 aus dem Jura Bernois hervorgegangene französisch sprechende Kanton Jura besteht aus den drei Distrikten Franches-Montagnes, Delémont und Porrentruy. Letzterer umfasst ganz im Norden des Kantons die Ajoie – den Pruntruterzipfel – und den Clos du Doubs. Einerseits bewog wohl die äusserst geschichtsträchtige und andererseits wenig bekannte Gegend so viele Mitglieder der GMS zur Teilnahme an dieser Reise, so dass diese doppelt geführt werden musste: Einmal am wunderschönen und warmen 7. Mai, zum andern Mal am bedeckten, teilweise regnerischen 14. Mai.

Gestartet wurde in Delémont, von wo es schnurstracks zu Gilberte ins Bahnhofhotel von Courgenay ging, vier Kilometer östlich von Porrentruy und am nördlichen Fusse der letzten, siebenten Jurakette gelegen. Hier erfolgte eine gekonnte, visuell unterstützte Einführung zur Exkursion. Die hauptsächliche Bedeutung der Ajoie liegt darin, dass sie rund 20 der total etwa 50 km breiten Burgunderpforte abdeckt und damit sowohl für die Deutschen wie auch für die Franzosen eine Versuchung zur Flankierung oder Umgehung des Gegners darstellte.

Der Referent erläuterte die Planungen und Aktionen im Rahmen der Grenzbesetzung von 1815 (Wiener Kongress, Bistum Basel an die Eidgenossenschaft, Rückkehr Napoleons von Elba, französische Freischaren, General von Bachmann), 1870/71 (Bourbaki-Armee, Dispute General Herzog/Bundesrat Welti), 1914 (diverse Planungen; abhängig von den grossen Schlachtfeldern im Norden: Konsequenzen für die Schlüsselräume Olten/Hauenstein und Murten/Jolimont/Mont Vully) sowie 1940 (Internierung des französischen 45. AK) und 1944 (Vorstoss der alliierten 1. französischen Armee entlang der Juragrenze). Auch die Periode während der Burgunderkriege im 15. Jahrhundert kam zur Sprache und zeigte die Bedeutung der Ajoie insbesondere als Operationsbasis gegen das Burgund.

Nach der Einführung begann die eigentliche Exkursion via Col de la Croix über die nördlichste Jurakette in den Clos du Doubs und dort an die Zollstation La Motte, wo im Jahr 1940 ca. 24’500 der total ca. 50’700 zu internierenden französischen und polnischen Militärs in die Schweiz übertraten. Örtlichkeit und Ereignisse darum herum inkl. Gedenkanlass vom 25. Juni 1950 wurden eindrücklich geschildert. Zu diesem und später laufend zu den besuchten weiteren Ereignisorten wurden insgesamt 13 wertvolle Beilageblätter abgegeben. Nach der Weiterfahrt über französisches Territorium entlang des Doubs überquerten wir die siebente Jurakette wieder nordwärts und wurden in Réclère im Restaurant „Les Grottes“ mit Speis und Trank prompt und gut versorgt.

Nachmittags fuhren wir zuerst zum rund drei Kilometer westlich der Grenze in Frankreich gelegenen mächtigen Schloss Blamont, eine der stärksten Burgen im 15. Jahrhundert, von wo aus die ganze Region kontrolliert werden konnte. Hier überbrachte am 25. Okt. 1474 ein Berner Bote die Kriegserklärung der Tagsatzung an Karl den Kühnen. Das Schloss ist dann im Rahmen der Burgunderkriege 1475 von den Eidgenossen erobert und kurz vor der Schlacht bei Grandson angezündet worden. 1699 fiel die Festung an den französischen König, welcher darin eine Garnison stationierte. Nach der Rückkehr Napoleons aus der Verbannung auf Elba und der verlorenen Schlacht bei Waterloo 1815 marodierten französische Freischaren, ausgehend von Schloss Blamont, auch in der Ajoie, worauf die zum Grenzschutz eingesetzte 2. Eidgenössische Armeedivision Füessli diese Burg besetzten. Vom Reiseleiter ist vor Ort jedem Exkursionsteilnehmer eine eidgenössische Armbinde abgeben worden, mit weissem Kreuz in rotem Feld. Der damalige eidgenössische General von Bachmann hatte am 3. Juli 1815, vor dem Einmarsch in die Freigrafschaft, das Tragen dieses Feldzeichens befohlen, sozusagen um ein einheitliches Band um die damals verschiedenartigen Uniformen und Kokarden der eidgenössische Armee zu legen. Diese Armbinde leistete „Vorläuferdienste“  zur heutigen Schweizerfahne.

Die Reise ging nun via Hérimoncourt zurück in die Schweiz, über Fahy, Bure und mit laufenden Erläuterungen zum ehemaligen Dreiländerpunkt Beurnevésin, wo uns von Mitgliedern des Gemeinderates in äusserst sympathischer Weise ein grosszügiger Apéro mit Zvieri offeriert wurde, am 7. Mai unter einem Blätterdach, eine Woche später unter einem Scheunendach! Vielen Dank! Das Nachmittagsidyll kontrastierte zum geschilderten Kampf vom 23./24. November 1944, in dessen Verlauf schliesslich 317 deutsche Of, Uof und Sdt (der Rest eines Grenadierregimentes) in die Schweiz übertraten und entwaffnet werden mussten.

Nachdenklich stimmte der berühmte Zipfel Le Largin, wo im Ersten Weltkrieg die bis zur Nordsee reichenden Schützengräben zwischen Deutschland und Frankreich bzw. den Alliierten begannen. Schweizerseits sind erhebliche Feldbefestigungen gebaut worden. Dazu vernahmen wir den Bericht von 182 jungen Elsässern, die sich im Zweiten Weltkrieg dem Einzug in die deutsche Armee durch eine abenteuerliche Flucht in die Schweiz entzogen und zwar unter Inkaufnahmen von Retorsionsmassnahmen gegenüber ihren Angehörigen. Des Weiteren auch über die riskante Flucht 1942 des französischen Generals Henri-Honoré Giraud aus der Festung Königstein in der Nähe von Dresden durch Deutschland via Ajoie und mit schweizerischer Unterstützung in den französischen Untergrund und von dort nach Nordafrika, wo Giraud noch im gleichen Jahr in die freifranzösische Armee eingebunden wurde.

Ein Besuch beim Denkmal bei Miécourt für den im Oktober 1918 von einem deutschen Flieger abgeschossenen, mit Schweizerflagge gezeichneten Ballon von Lt. Walter Flury rundete die kurzen Rundgänge zu Fuss ab.

Über die schweizerische „Militärstrasse“, einer Graspiste zur Umgehung französischen Territoriums bei Lucelle, endete diese Reise mit stark befrachtetem Programm zeitgerecht in Delémont.

Dem Reiseleiter Jürg Keller ist es gelungen, mit seriösen und akribischen Nachforschungen, viel Herzblut sowie grosser Sachkompetenz und Menschlichkeit uns eine eher wenig bekannte Region samt ihrer Geschichte näher zu bringen. Vielen Dank!

Text: Hans-Ulrich Pfenninger (Oberkirch)