Bild: Waffenrock eines Sanitätsfeldweibels, Eidg. Ordonnanz 1914

Bourbaki (1. Durchführung)

26.08.2011 - 27.08.2011

Bourbaki

Grenzbesetzung und Internierung der Bourbaki-Armee 1870/71. Der von Frankreich erklärte Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 endete mit einer Niederlage des Kaiserreiches. Auf die Kapitulation in Versailles (28.1.1871) folgte nur wenige Tage später, am 1. Februar, der Grenzübertritt der französischen Ostarmee (Bourbaki-Armee) in die Schweiz. Dieser Krieg und die Internierung stellten die Schweiz nicht nur vor eine militärisch-politische und rechtliche, sondern auch vor eine wirtschaftliche, soziale und moralisch-ethische Probe. Die Bilder des Grenzübertritts verzeichneten eine bis heute wirksame künstlerische Rezeption (Bourbaki-Panorama, Luzern). Sie lassen sich mit etwas Vorstellungskraft ins heutige Gelände legen. Die Brennpunkte des Geschehens auf französischem Boden bieten Gelegenheit zur intensiven Auseinandersetzung mit den Zitadellen in Belfort und Besançon (beide Weltkulturerbe der UNESCO) und zur Besichtigung der berühmten Chapelle von Charles-Edouard Jeanneret dit Le Corbusier in Ronchamp.

Freitag

07.45 Abfahrt mit Bus ab Zürich, Carparkplatz Sihlquai Fahrt über Basel (Zusteigemöglichkeit) nach Belfort. Besichtigung der Citadelle. Weiterfahrt nach Ronchamp mit Besprechung der dreitägigen Entscheidungsschlacht an der Lisaine. Nach dem Mittagessen Besichtigung der Chapelle Notre Dame du Haut (Le Corbusier) in Ronchamp. Danach Weiterfahrt über Lure-Vesoul nach Besançon. Abendessen in der Brasserie du Commerce in Besançon. Übernachtung im Hotel de Paris, Besançon

Samstag

Besichtigung der Citadelle von Besançon unter kundiger Führung. Danach Busfahrt nach Les Verrières. Mittagessen und anschliessend Besichtigung im Gelände (Vergleich Bourbaki-Panorama mit der Wirklichkeit). Rückfahrt nach Zürich (16.30 ca. Ausstiegsmöglichkeit in Biel, Bahnhof, 20.00 ca. Ankunft in Zürich, Carparkplatz Sihlquai)

Reiseleitung

Hans Rudolf Fuhrer, PD Dr. phil., Meilen

 

Dr. Friedemann Pfenninger’s Reisebericht

Bourbaki

An einem strahlenden Herbstmorgen fahren wir in Zürich ab. Die Gruppe ist angenehm klein, Platz ist mehr als genug da im Car. Nachdem in Basel die letzten Teilnehmer zugestiegen sind, hören wir von den Problemen des deutsch-französischen Krieges 1870/1871. Was weiss man denn darüber? Der Name Bourbaki ist zwar gerade noch bekannt – als nicht gerade lobende Bemerkung im Militär, wenn da an der Ordnung etwas zu bemäkeln ist. Hier hat das Bourbaki- Panorama in Luzern mitgewirkt. Dort wird der Durchmarsch einer vollständig desorganisierten, verwahrlosten Armee geschildert. Mit Staunen hören wir, dass dieser Zustand zwar für die Einheiten, die bei Les Verrières die Schweizergrenze überschritten haben, richtig ist. Für ein Drittel der 83’000 Mann, welche interniert wurden, traf diese Verwahrlosung zu. Zwei Drittel jedoch, 50’000 Mann mindestens, waren teilweise noch kampffähig. Zum Glück zog General Justin Clinchant – der Kommandant an Stelle von Charles Denis Bourbaki, welcher einen Selbstmordversuch machte – die Internierung einem gewaltsamen Durchbruch durch die Westschweiz, dem die Deutschen wahrscheinlich gefolgt wären, vor. Für die Schweiz ergab sich daraus eine Bewährungsprobe besonderer Art: die Internierung dieser gewaltigen Truppenmassen, welche sich überraschend geordnet vollzog. Noch überraschender war die individuelle Liebestätigkeit der Schweizerinnen und Schweizer.

Mitte März 1871 kehrten die Internierten nach Frankreich zurück. Ganz alle sahen ihr Vaterland allerdings nicht wieder. 73 in der ganzen Schweiz verstreute Denkmäler sind Zeugen davon, dass viele an Erschöpfung und den mitgebrachten Krankheiten hier starben.

Es ist schon recht heiss, wie wir vor der roten Festung Belfort aussteigen. Das Licht der noch nicht sehr hoch stehenden Sonne wirft sanfte Schatten in das in mehreren Stufen zu uns hernieder fliessende, sauber gemähte Glacis. Ein wunderbarer Anblick. Aus dem satten Grün steigen die roten Mauern, jetzt noch im Schatten liegend.

Es ist schon so: Ich habe mir den Fluss Lisaine etwas respektabler vorgestellt. Nun ist er nur ein schmales Wasser. In mehreren Versuchen wollte General Bourbaki den Übergang erzwingen, um die von General August Graf von Werder belagerte Festung Belfort zu entsetzen. Es gelang ihm nicht. Die Festung Belfort, der langen Belagerung wegen von Kriegsmitteln entblösst, konnte ihren Kameraden keine Hilfe leisten.

Kaum einmal auf dieser Reise sind wir vom Thema so weit entfernt wie beim Mittagessen. War die Versorgungslage der Bourbaki-Armee nicht mehr als prekär? Lagen die Temperaturen nicht weit unter dem Gefrierpunkt? Und wir schlemmen uns durch eines der vorzüglichsten Mittagessen, das ich je genossen habe. Und das bei hochsommerlichen Temperaturen. Die Bourbakis hätten Augenwasser bekommen, wenn sie nur davon geträumt hätten.

Ein leichter Regen kühlt uns ab, wie wir zum Car zurück wandern. Wir hören einiges über die Kirche «Notre Dame du Haut» von Ronchamp. Sie ist Wallfahrtsort spätestens seit dem 11. Jahrhundert. Die zuletzt gebaute Kirche wurde 1944 durch Artillerie zerstört. Gesucht wurde nach dem Krieg ein fähiger Kirchenbauer. Weshalb man gerade auf den Atheisten Le Corbusier verfiel, ist unklar. Vielleicht wollte man nach diesem zerstörerischen Krieg einfach etwas Neues. Einen Bruch mit der Vergangenheit. Und Corbusier schuf wahrhaftig Neues.

Der Anblick vom steil ansteigenden Weg her ist faszinierend. Die geschwungene Wand, übergehend in das in die Höhe zeigende Dach, ist packend. Dieser Zug in die Höhe ersetzt den Kirchturm einer konventionellen Kirche. Die zu Lichtschächten gewordenen Türme leisten das nicht. Ein faszinierendes Bauwerk. Aber ob es auch eine Kirche ist?

Besançon empfängt uns sehr unfreundlich. Der Regen prasselt auf das Dach des Cars, der sich durch schmale Gassen und enge Kurven quälen muss. Ich staune über die Geschicklichkeit des Chauffeurs. Kein Wetter für den vorgesehenen Stadtrundgang, dafür bestens geeignet für ein ausgiebiges Nickerchen.

Nach einer von stetig klöpfelndem Regen durchzogenen Nacht sind wir gespannt auf die Festung von Besançon. Für den Moment hat es zu regnen aufgehört. Mit etwas Fantasie können einige blaue Flecken am Himmel ausgemacht werden. Das blauste Wunder jedoch erlebe ich, als ich auf die Temperaturangabe schaue: 12 Grad. 16 Grad beträgt der Temperatursturz. Wir sind den Bourbakis schon etwas näher gekommen …

Nach einer langen Kletterfahrt auf einem durch die Häuser angelegten Gebirgspfad – für mehrere Kurven reicht der Einschlag des Cars nicht aus – erreichen wir den Parkplatz gerade unterhalb der imposanten ersten Festungsmauern. Durch das pompöse, feierliche Tor gelangen wir auf den recht steilen Weg, der zum inneren Eingang führt. Wir treffen unterwegs den Festungsbaumeister Vauban persönlich an, einen Riss studierend – allerdings nur in Eisen. Auch er, mit wallender Allongeperücke, vermittelt etwas von der pompösen Feierlichkeit.

Zwischen hohen und schweren Festungsmauern hindurch gelangen wir zur Brücke, die zum oberen Tor hinüber führt. Im tiefen, aus dem Felsen heraus geschlagenen Graben sind drei kleine Paviane auf der interessanten und wohl auch erfolgreichen Suche nach etwas Essbarem. Die Festung ist gleichzeitig ein Zoo, und so sind denn auch von den ca. 100’000 Besuchern jedes Jahr 75 % Kinder.

Eine Festung wie diese oder auch wie Belfort ist weder zu fotografieren noch zu beschreiben. Man muss sie erwandern, ihre Dimensionen erfühlen. Von der Mauer aus hat man einen wunderbaren Ausblick auf ein Stück des Doubs – der in einem Dreiviertelkreis Festung und Stadt Besançon umschliesst – und einen kleinen Ausschnitt der alten Stadt, welche auch befestigt ist. Im Grunde genommen sind wir ja auf den Spuren der Bourbaki-Armee, welcher wir nun nach vielen bereichernden Umwegen und Abschweifungen wieder konzentriert folgen, und zwar jener Abteilung, die auf dem Bourbaki-Panorama in Luzern dargestellt ist und ihr ein schlechtes Image verliehen hat. Vor uns auf der schroffen Anhöhe, welche die enge Klus begrenzt, liegt das Château de Joux, das dem Korps Werder die Verfolgung erschwert und mit seiner Abwehr den Rückzug der Bourbakis erleichtert hatte. Dabei musste die Abwehrfront umgekehrt werden: Die Festung sollte Angriffe von der Schweiz her abwehren, nun aber kam der Feind aus Frankreich. Durch viele Kurven windet sich die Strasse durch die Klus und das folgende, meist enge Tal. Hier müssen sich also diese Menschen hinauf gekämpft haben: Schritt für Schritt durch tiefen Schnee und bei eisiger Kälte. Mit letzter Kraft der Grenze entgegen, mutlos, verwirrt. Mit nur einem Ziel: das Überleben. So wie es das Bourbaki- Panorama in Luzern zeigt.

Text : Dr. Friedemann Pfenninger (Zürich)