Bild: Frack eines Soldaten des Walliser-Bataillons in französischen Diensten, um 1805

Dolomiten / Sentiero della Pace II

11.09.2011 - 15.09.2011

Dolomiten

Problemlose alpine Wanderung entlang der Front des 1. WK von Cortina nach Sexten.

Sonntag

08.40 Abfahrt ab Zürich HB
12.06 Ankunft in Innsbruck
Verpflegung (fak.) im Zug. Fahrt mit dem Kleinbus von Innsbruck über den Brenner und das Pustertal bis Bruneck. Dann nach Sankt Vigil und Pederù im Enneberg Tal. Wanderung von Pederù über die Faneshütte und das Limojoch zur k.u.k. Fanessperre im Fanestal und an italienischen Befestigungen vorbei hinunter nach San Uberto nördlich Cortina. Fahrt mit dem Bus zum Hotel Hubertushof im Toblach. Abendessen und Übernachtung im Hotel

Montag

Fahrt mit dem Kleinbus durch das Höhlensteintal zur Alp Ra Stua. Wanderung über die Forcella Lerosa und die Ciadenesspitzen hinunter nach Rufiedo. Picknick im Gelände. Orientierung über die Rufiedofront und Besuch der Kapelle S. Biagio in Ospitale. Wanderung hinauf vom Gemärkpass durch das romantische Knappenfusstal hinauf zum Plätzwiesensattel. Rückfahrt hinunter nach Toblach. Abendessen und Übernachtung im Hotel Hubertushof, Toblach

Dienstag

Vom Plätzwiesensattel zum gleichnamigen österreichischen Artilleriewerk und weiter zu den Artilleriestellungen am Strudelkopf. Picknick im Gelände. Abstieg durch das befestigte Helltal (k.u.k. Seilbahn) zum Dürrensee. Orientierung über die Dreizinnenfront. Auf dem Rückweg Zwischenhalt an der Nasswand und an der Sperre Klausbrücke (Vallo Alpino). Rückfahrt nach Toblach. Abendessen und Übernachtung im Hotel Hubertushof, Toblach

Mittwoch

Hinauf zum Misurinasee und zum Dreizinnen Plateau mit dem Kleinbus. Wanderung über das Rif. Auronzo, den Sextenstein und das Dreizinnen Plateau hinunter ins Fischleintal und nach Sexten. Picknick im Gelände. Mit der Helmbahn hinauf auf den Karnischen Kamm. Besprechung der Kämpfe am Karnischen Kamm und gegenüber an der Rotwandwiese. Abendessen und Übernachtung im Hotel Hubertushof, Toblach

Donnerstag

Fahrt nach Moos bei Sexten und mit der Seilbahn zur Rotwandwiese. Wanderung unter der Sextener Rotwand und unter dem Arzalpenkopf hindurch (Vallo Alpino Befestigungen der Zwischenkriegszeit), hinunter zum Kreuzbergpass. Picknick im Gelände. Fahrt über Bruneck und die Mühlbacher Klause (Sperre von 1809) zurück nach Innsbruck. Rückfahrt mit dem Zug nach Zürich. (Abendessen fakultativ 20.23 Ankunft in Zürich HB)

Reiseleitung

Heinz Hürzeler, Dr. med., Winterthur

Urs Sandfuchs‘ Reisebericht

Sentiero della Pace II

Der Sentiero della Pace ist ein 500 km langer Gebirgsweg vom Stilfserjoch an der Schweizer Grenze bis zum Helm am karnischen Kamm, an der heutigen Grenze Österreich (Osttirol)/Italien. Er wurde nach der Annahme des sogenannten Paketes, einer Autonomieregelung für Südtirol, ab 1972 von Bergführern aus Südtirol/Trentino erstellt und mit der gelben Friedenstaube markiert. Er verläuft möglichst nahe der ehemaligen österreichisch- italienischen Front des Ersten Weltkrieges und benützt wenn möglich alte Kriegssteige beider Kriegsparteien. Im Jahre 2010 besuchte die GMS den äussersten Süden der Tiroler Front, die Gegend zwischen Lardaro in Judikarien, Riva und Rovereto im Etschtal. Die Fortsetzungsreise Sentiero II berührte den Nordosten der Front zwischen Fanessperre und Sextner Kreuzberg.

Am Sonntag 11. September reisten 16 GMSMitglieder mit dem „railjet“ nach Innsbruck. Per Car ging es dann über den Brenner nach Franzensfeste und ins Pustertal, von wo unsere Wanderungen, unter kundiger Leitung von Dr. Heinz Hürzeler und Gattin, ihren Ausgang nehmen sollten. Während fünf Tagen lernten wir die Front des Ersten Weltkrieges zwischen Cortina und Sexten, hauptsächlich aus österreichischer Sicht, kennen. Die Pustertalbahn stellt eine wichtige Verschiebeachse in west-östlicher Richtung dar. Vom Pustertal führen Seitentäler zwischen schroffen Dolomitenmassiven hindurch nach Süden. Es genügte, die südlichen Talausgänge zu sperren, um das Pustertal in Besitz zu behalten. Da die Front infolge der extremen Topografie nicht durchgehend begehbar ist, führten unsere Wanderungen den Achsen entlang, entweder vom Rückwärtigen an die Front oder in umgekehrter Richtung. Schauplätze, welche Ziel vorangegangener Reisen waren, wie der Monte Piano, wurden bewusst weggelassen. Wer sich über die geschichtlichen Hintergründe informieren möchte, dem sei die gut gelungene Reisedokumentation von Dr. Heinz Hürzeler empfohlen. In konzentrierter Form steht dort alles Wesentliche.

Noch am Anreisetag fuhren wir von Brixen durch das ladinisch sprechende Gadertal nachPederù. Hier, am Ende der heutigen Talstrasse, war ein bedeutender Versorgungsplatz und Ausgangspunkt eines Saumweges nach Ra Stua und Son Pouses, sowie einer Kiesstrasse ins Fanestal. Wir folgten letzterer zu Fuss über einen 2172 m hohen Pass und dann das lang gestreckte Fanestal hinunter. Da wir erst am Nachmittag losmarschierten, wurde es trotz Verzicht auf jegliche Beizeneinkehr bald einmal Abend. Bevor das Tal in einer Steilstufe mit Wasserfällen abbricht, konnten wir die Spuren der Hauptsperre erkennen, weiter vorne kamen wir noch an einigen in den Felsen gesprengten Unterständen vorbei. Nach dem 70 m hoch über eine Schlucht führenden Ponte Outo gerieten wir in die italienischen Stellungen. Dazwischen war Patrouillenkampfgelände. Erst beim Eindunkeln erreichten wir bei der Ruine des Jagdschlösschens St. Hubertus, mitten im Niemandsland, unseren Car. Hier trafen sich manchmal die feindlichen Patrouillen, um sich gemeinsam am eingelagerten Wein gütlich zu tun. Uns aber brachte der Car zu nächtlicher Stunde ins Hotel Hubertushof nach Toblach, das uns auch in den folgenden Tagen als Basis diente.

Der Reiseleiter bemühte sich von nun an erfolgreich, die verschiedenen Leistungsniveaus unter einen Hut zu bringen und bot jeweils auch eine kürzere Variante an.

Während der ersten Nacht ging ein heftiger Platzregen nieder. Abgesehen davon hatten wir nur schönstes Spätsommerwetter, und der Regenschutz konnte im Rucksack bleiben. Mit zwei Kleinbussen verschoben wir uns am Morgen nachRa Stua, einem wichtigen Versorgungsplatz für den Cortina gegenüber liegenden Frontabschnitt. Letzterer stützte sich auf die starke Stellung Son Pouses, die wie eine Kanzel am Steilhang klebt. Kaum verständlich, dass hier der italienische General Nava am 10. Juni 1915 den ersten (erfolglosen) Angriffsversuch unternahm, während zu dieser Zeit der breite Kreuzbergpass bei Sexten, der topografisch kaum Schwierigkeiten bot, nur unzureichend verteidigt war. Nach einer Rast am ehemaligen Soldatenfriedhof auf der Forcola Lerosa bestieg ein Teil, geführt von Rosemarie Hürzeler, den Ciadenes, von wo wir einen atemberaubenden Tiefblick auf Son Pouses und die umliegenden Berge und Täler hatten. Ursprünglich hatten die Österreicher die Front entlang des unüberwindlichen Hanges, unterhalb von uns, vorgesehen, aber da der Feind den Gegenhang nicht besetzte, rückten sie mit schwachen Kräften bis zum gegenüber liegenden, vergletscherten Monte Cristallo vor und hielten ihn bis Kriegsende. Am Nachmittag begingen wir, wieder vereint, noch die durch ein enges Tal führende und somit vor Feindeinsicht geschützte Nachschubachse für diese vorgeschobene Stellung, in umgekehrter Richtung. Beim Hotel auf der Plätzwiese, wo einst der österreichische Generalstab sein Quartier hatte, erwarteten uns die Kleinbusse.

Da für den Dienstag eine bessere Wetterprognose vorlag als für die kommenden Tage, änderte Dr. Heinz Hürzeler das Programm und zog die Königsetappe vor. Die Busse brachten uns auf das Dreizinnenplateau, auf die einst italienische Seite, und wir wanderten auf breiten Spazierwegen zur damaligen Grenze auf dem Paternsattel, zwischen den imposanten Drei Zinnen und dem Paternkofel. Bereits bei Kriegsbeginn hatten die Alpini diese Stelle besetzt, doch sie wurden bald von den Österreichern vertrieben. Um die Front zu verkürzen, wurden diese aber von ihrer Führung zurückgepfiffen, und die Italiener konnten den dominierenden Paternkofel besetzen. Beim Versuch, diesen zurückzuerobern, fiel der bekannte Hüttenwirt und Bergführer Sepp Innerkofler. Später am Nachmittag besuchten wir sein Grab auf dem Friedhof von Sexten. Bei seinem Tod war er bereits 50 Jahre alt. Wäre er jünger gewesen, wäre er wohl bereits früher an eine andere Front eingezogen worden.

Von der Dreizinnenhütte stiegen wir durch das Altensteintal in Richtung Sexten ab. Hier befanden wir uns nicht mehr im Einzugsgebiet des Mittelmeeres, sondern der Drau und somit des Schwarzen Meeres. Den Italienern war das Gebiet bis zur Wasserscheide versprochen worden. Durch die Unkenntnis des amerikanischen Präsidenten Wilson wurde dieses Gebiet bei den Friedensverhandlungen irrtümlich Italien zugesprochen. Kurz vor der Talschlusshütte kreuzten wir die permanenten österreichischen Linien. Ein Scheinwerfer auf dem Einser verunmöglichte es den Italienern, weiter in Richtung Sexten vorzudringen. Wir aber verschoben uns die letzten 1,5 km bis zu unseren Bussen hippomobil, mit Pferdezug, auf knirschenden Eisenreifen.

Am Mittwoch setzten wir die Wanderung dort fort, wo wir sie am Montag beendet hatten. Auf dem Plätzwiessattel wanderten wir zum aus Stein gemauerten Festungswerk Plätzwiese. Dieses war bereits bei seiner Fertigstellung 1890 veraltet, da man die Erkenntnisse der Brisanzgranatenkrise nicht berücksichtigt hatte. Daher war es nahe liegend, dass bei Kriegsbeginn alle Geschütze ausgebaut und versteckt in der Umgebung positioniert wurden. Nichtsdestotrotz zog das leer stehende Werk italienisches Artilleriefeuer auf sich, und es erlitt zwei Treffer durch 30,5 cm Granaten. Jetzt sind Sicherungsarbeiten im Gang, und das Werk kann nicht betreten werden.

Etwas oberhalb befindet sich die ausgedehnte Hochfläche der Strudelalm. Hier, wo man die Batterien gut verstecken und verschieben konnte, war ein Schwerpunkt der österreichischen Artillerie. Den Abstieg durch das Helltal auf steilem, ausgesetztem Fussweg machte dann nur ein Teil der Reisegesellschaft, die anderen gingen mit dem Chauffeur zurück zum Bus. Die Wanderer gelangten in Talnähe zu den Aussenanlagen der Sperre Landro von 1890, die aber wie das Werk Plätzwiese nie zu einer Frontstellung wurde, da die Österreicher die vorgelagerte beherrschende Höhe des Monte Piano noch vor dem Gegner besetzen konnten.

Der letzte Tag war ein Abschied von den Dolomiten, nicht nur für uns, sondern auch für den Frontverlauf. Wir begingen das Gelände zwischen Sextner Rotwand, die noch zu den Dolomiten gehört, und dem Kreuzbergpass. Im Gegenhang gut einsehbar, befindet sich der gewellte Karnische Kamm. Es ist unverständlich, dass die Italiener bei Eröffnung der Feindseligkeiten nicht sofort über diesen breiten Pass nach Sexten und ins Pustertal vorgestossen sind und sich stattdessen an der starken Son Pouses-Stellung die Zähne ausbissen. Die Österreicher nutzten die geschenkte Zeit und bauten ihre Stellungen weit vor der ursprünglichen und veralteten Festungslinie aus. Später erfolgte Angriffe konnten sie erfolgreich abwehren. Italienische Teilerfolge in der Gipfelregion der Sextner Dolomiten waren für den Kriegsverlauf bedeutungslos.

Heute sieht man gewaltige Betonkasematten in der Dolomitenwand und Bunkerlinien quer zum Kreuzbergpass. Diese sind gegen Norden gerichtet und gehören zu Mussolinis „Vallo Alpino“, mit dem er sich gegen die befürchtete Revanche der Deutschen und Österreicher absichern wollte.

Vom Kreuzbergpass brachte uns ein Car zurück nach Innsbruck, mit Halt an der Mühlbachklause, einer gut erhaltenen mittelalterlichen Zollstation. Mit der üblichen Verspätung fuhr uns der „railjet“ zurück nach Zürich. Eine schöne und gut organisierte Reise fand damit ihren Abschluss. Besten Dank dem Ehepaar Hürzeler für die tolle Führung und ein Lob der ganzen Reisegesellschaft für ihre gute Kameradschaft!

Text: Urs Sandfuchs (Ehrendingen)