Bild: Frack eines Soldaten des 3. Schweizerregiments in neapolitanischen Diensten, 1828-1836

Grenzgänger 1939 – 1945

22.09.2011 - 24.09.2011

St. Antönien

Auf den Spuren von Schmugglern, Schleppern, Flüchtlingen, Partisanen, Spionen und Grenzsoldaten.

Donnerstag

09.30 Besammlung Bahnhof Sargans
Fahrt mit Bus nach St. Antönien, Fussmarsch Partnunsee (1h, Grenzbeziehungen zu Nazi-Österreich), Mittagessen in Partnun, Bunkeranlagen in St. Antönien, Bomberabstürze in Fideris, Fahrt nach Splügen, Abendessen und Übernachtung im Hotel Bodenhaus, Splügen

Freitag

Besuch des Passmuseums in Splügen, Fahrt nach Roveredo, Fussmarsch Alpe di Gesero (1-2h, Grenzbeziehungen zu Italien, Schönwettervariante), Mittagessen im „Schmuggel“- Grotto Zendralli oder in Gandria, Fahrt nach Gandria – Überfahrt Zollmuseum (Schlechtwettervariante) – Fahrt nach Bondo, Bergell (Partisanen, Flüchtlinge, Spione, SS) – Poschiavo. Abendessen und Übernachtung im Albergo Raselli, Le Prese

Samstag

Fahrt mit dem Bus nach Viano. Fussmarsch auf dem Schmugglerpfad nach Roncaiola (2h). Besuch der Ruine einer Kaserne der Guardia di Finanza. Mittagessen in Tirano. Besuch des Schmuggelmuseum in Brusio (Schmuggler,Hebräer, Bomben). Rückfahrt über Bernina- (Rolle Guisans) und Julierpass nach Sargans 17.15 oder 18.15 Ankunft Bahnhof, Sargans

Reiseleitung

Peter Baumgartner, Dr., Chur

Georg Karlaganis‘ Fotogalerie

Dr. Rudolf Iseli’s Reisebericht

Grenzgänger 1939–1945

1. Tag: Die Teilnehmenden treffen sich bei fast wolkenlosem Himmel am Bahnhof Sargans, wo sie durch den Reiseleiter Dr. Peter Baumgartner begrüsst werden. Planmässig führt uns der Reisebus über Landquart ins Prättigau, dem Schwerpunkt des ersten Tages. Auf der Fahrt von Küblis hinauf nach St. Antönien orientiert uns der Reiseleiter laufend über die vergangenen Ereignisse, insbesondere über die Verteidigungsstellungen im Zweiten Weltkrieg. Vom Parkplatz unterhalb Partnun geht’s zu Fuss auf Wanderwegen weiter. Den Aufstieg auf rund 1800 m bewältigen alle Teilnehmenden problemlos, denn die prachtvolle Aussicht auf die Bergwelt mit ihren schneebedeckten Gipfeln lädt zu zahlreichen kurzen Verschnaufpausen ein. Die im kalten Partnunsee badenden Jugendlichen lassen die Gedanken einiger älterer Teilnehmenden um Jahrzehnte zurück schweifen. Ja damals, als wir noch jung waren …

Vor einer Jagdhütte, von deren Dach das Schmelzwasser des erst vor kurzem (zu früh) gefallenen Schnees tropft und rinnt, orientiert uns der Reiseleiter über die Ereignisse in der Zeitspanne vom Mittelalter bis zum Ende der Schmuggelperiode (ca. 1970) in dieser Region. Gut, dass wir im Besitze seiner ausgezeichneten Dokumentation sind, um diese umfassende Orientierung zu Hause nochmals nachzuvollziehen.

Auf der Rückfahrt nach Küblis kann oberhalb der Strasse der erste Bunker (Gadenstätt) eingangs des oberen Talabschnitts von aussen besichtigt werden, während auf der anderen Talseite das Gegenwerk sich im Laub der Bäume versteckt hält. Über Landquart und Chur führt die Reise ins Domleschg, wobei die kurze Fahrt durch diese geschichtsträchtige Talschaft dem Reiseleiter begreiflicherweise nicht genügend Zeit für umfassendere Erläuterungen lässt. Über das Schams erreichen wir die Festung Crestawald, welche das aussergewöhnliche Museum über die Bomberabstürze der Alliierten im Zweiten Weltkrieg in Graubünden beherbergt.

Das Bombermuseum stiehlt den beiden stillgelegten Festungskanonen (Kaliber 10,5 cm), sinnigerweise mit Frauennamen Silvia und Lucrezia, etwas die Schau. Nichtsdestotrotz belegt deren Stilllegung den auf dem Gebiet ihrer Gegenwaffen schwindelerregend rasanten technischen Fortschritt. Man denke nur an die Bison-Geschütze: Kaum eingeführt, bereits sehr verwundbar, damit auch wenig wirksam und in der Folge ausgedient.

In Splügen stehen wir ziemlich ratlos vor der geschlossenen Türe des Passmuseums: Die Museumsführerin sitzt in einem Café in der Nähe, ohne eine entsprechende Botschaft mit Handynummer an der Eingangstüre hinterlassen zu haben. Doch der Aperitif und das exquisite Nachtessen im historischen Hotel Bodenhaus trösten uns darüber hinweg.

2. Tag: Die Reise führt uns über den San Bernardinopass nach Roveredo, wo die Gesellschaft beim Grotto Zendralli in zwei Kleinbusse umsteigt. Den Grund dieser Umsteigeaktion erhellt alsbald die abenteuerliche Fahrt zum Weiler Montelaura: Die „Strasse“ sehr eng, kurvig, unübersichtlich und scheinbar endlos, das abfallende Gelände sehr steil. Gut beraten ist, wer sich nicht auf den Fahrweg konzentriert, sondern die faszinierende Sicht ins Misox und ins gegenüber liegende Val Calanca geniesst, sich dem Schicksal ergibt und den Chauffeuren restlos vertraut. Das Strässchen führt durch Montelaura auf 1372 m zu seinem Endpunkt Cadolgia auf 1814 m Höhe. Vor einer Jagdhütte orientiert unser Reiseleiter eingehend über die Vergangenheit in dieser Region. Anschliessend darf der in Felsen gehauene bombensichere militärische Stützpunkt besichtigt werden, welcher allerdings heute restlos ausgeräumt ist. Die herrschende Dunkelheit bringt manche und manchen ins Stolpern und lässt sie in Pfützen treten, doch auf der gegenüberliegenden Seite des langen Tunnels empfängt uns die wärmende Sonne. Anschliessend Fussmarsch zur Alpe di Albion auf 1890 m, auf der einst die Patrouillenhütten standen. Auf einem Feldherrenhügel neben der malerischen Kapelle erläutert der Reiseleiter – nun im Gelände – das einstige Geschehen. Ein Teilnehmer bereichert dessen Ausführungen über den Schmuggel mit seinen eigenen jahrzehntelangen Erfahrungen im Zolldienst; ein weiterer über Leben und Zukunftsaussichten im abgelegenen Calancatal. Anschliessend Rückmarsch bis zum Tunneleingang und erneutes nächtliches Tapsen bis zum Tunnelausgang, wo die beiden Kleinbusse warten. Die Rückfahrt gestaltet sich wiederum reichlich spektakulär, und man wagt sich nicht vorzustellen, was bei Gegenverkehr passieren würde …

Mittagessen im Grotto Zendralli, einst Abgabeund Übernahmeort der Schmuggelware für die Routen Passo di Camedo oder Paina. Rückfahrt über den San Bernadino nach Splügen und über den Splügenpass hinunter nach Chiavenna, wobei der Reiseleiter wie gewohnt eingehend und laufend über diesen einst sehr wichtigen Alpenübergang und auch über die Stadt Chiavenna orientiert. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass Dr. Peter Baumgartner generell jeweils auch die Gegenwart, ja, bisweilen auch vorausschauend die Zukunft zur Sprache bringt. Ein Zwischenhalt wird im Bergell in Promontogno auf der Aussichtsterrasse des Hotels Bregaglia eingeschaltet, einem Haus aus der Gründerzeit, das noch heute in Betrieb ist, allerdings mangels Heizung nur während der heizfreien Zeit. Die Einrichtung entstammt noch grösstenteils der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Einige Neugierige können es sich nicht verkneifen, einen Blick in den Speisesaal, das runde Treppenhaus und die zum Teil offenen Zimmer zu werfen – und verpassen darob beinahe den Aufbruch. Doch es hat sich gelohnt, wie der Berichterstatter selbst bestätigen kann: Ein wahres Bijou aus vergangenen Zeiten! Die Reise geht anschliessend weiter über den Malojapass, St. Moritz, Pontresina und den Berninapass ins Puschlav. Das Abendessen wird im Albergo Raselli, dem Übernachtungsort in Le Prese eingenommen.

3. Tag: Abfahrt nach Brusio und Besichtigung des jüngst eröffneten Schmugglermuseums. Der sichtlich stolze und engagierte einheimische Custos führt uns ein Video vor, in dem damals in den Schmuggel involvierte Personen beider Seiten zu Wort kommen. Fazit: Ein hochinteressantes Museum auf kleinem Raum, für das die zur Verfügung stehende Zeit trotzdem nicht reicht, sodass ein zweiter Besuch ein Muss ist. Anschliessend Einstieg in zwei Kleinbusse, was Erinnerungen an den ersten Reisetag wachrief. Und in der Tat stand die Fahrt über Viano zum schweizerischen Zoll auf 1381 m Höhe jener nach Montelaura und Cadolgia an Abenteuerlichkeit kaum nach. In der Nähe des nun geschlossenen Grenzwächterhauses erläutert der Reiseleiter wie gewohnt kompetent über die Vergangenheit in dieser Region, diesmal mit Schwerpunkt der Schmugglerzeit in den Nachkriegsjahren 1947 bis rund 1970. Gleich nach der Grenze konnte die italienische Zollkaserne der Guardia di Finanza auf 1140 m Höhe besichtigt werden, damals wohl eine recht komfortable Unterkunft, doch heute herrscht im Innern ein Trümmerchaos. Nachdenklich stimmte ein Gedenkkreuz am Rande des Pfades für eine durch die Guardia di Finanza erschossene Schmugglerin namens Irma Rinaldi. Man sagt, der Pistolenschütze habe sie bei den diffusen Sichtverhältnissen nicht als Frau erkennen können. Sie war mit Sicherheit nicht bewaffnet, und wahrscheinlich hätte der Beamte auch nicht auf eine Frau geschossen. Es soll in der Provinz Sondrio die einzige Frau gewesen sein, die als Schmugglerin den Tod fand. Tragische Verknüpfungen … Der weitere Abstieg bis nach Roncaiola auf 802 m verlief problemlos, allerdings ohne Lumpen um die Schuhe und ohne 40 kg-Packung auf dem Buckel wie damals, auch nicht bei Nacht und schlechtem Wetter wie es damals – mit Absicht – die Regel war.

Der Transport nach Tirano erfolgte mit einem Shuttlebus, der nach dem Ausstieg der ersten Gruppe der zweiten entgegenfuhr, um sie aufzunehmen. Diese zweite Phase verzögerte sich allerdings, weil ein Teilnehmer der ersten Gruppe zum Aussteigen versehentlich die automatische Türe manuell öffnen wollte, worauf die auf Automatik getrimmte Türe streikte. Bevor der Ruf nach einem Büchsenöffner in die Tat umgesetzt werden konnte, gab die Tür nach, und die Insassen konnten nach minutenlanger Freiheitsberaubung wohlbehalten aussteigen. Mittagessen im Hotel Bernina in Tirano und anschliessend Rückfahrt nach Sargans via Berninapass, Pontresina, Zernez, Susch, Flüelapass, Davos, Klosters, Prättigau und Landquart.

Im Wissen, dass hier einige Themen zu kurz oder gar nicht behandelt worden sind, sei auf die ausgezeichnete Dokumentation verwiesen. Der vorliegende Bericht stand für seinen Verfasser unter dem Motto „Mut zur Lücke“. Es kommt dementsprechend nicht alles zur Sprache, viel zu facettenreich waren diese drei spannenden Tage. Nur schon von der Thematik her musste die Reise ein Erfolg werden, stand doch für einmal nicht ein Kriegsgeschehen im engeren Sinne im Mittelpunkt. Just gerade das „Drumherum“ verlieh dieser Reise das gewisse Etwas an Spannung. Dem Reiseleiter ein herzlicher Dank von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für seine kompetente Leitung!

Text: Dr. Rudolf Iseli (Zürich)