Bild: Wams eines Papstgardisten, zur Zeit des Pontifikats Pius X. (1903-1914)

Grenzraum Kreuzlingen – Konstanz

03.09.2011 - 03.09.2011

Die Bedeutung des Grenzraums Kreuzlingen im Schwabenkrieg (1499), im Dreissigjährigen Krieg (1633) und im Zwanzigsten Jahrhundert.

07.45 Abfahrt mit Bus ab Zürich, Carparkplatz Sihlquai
08.35 Zustiegsmöglichkeit in Weinfelden, Bahnhof
Im KP der ehemaligen Grenzbrigade 7: Begrüssungskaffee und Orientierung über Bedrohung und Verteidigungsvorbereitungen im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg. Schwaderloo: Einführung in den Schwabenkrieg von 1499 und Orientierung auf dem eigentlichen Schlachtfeld südlich Triboltingen 11.45 Mittagessen im Hotel Trompetenschlössle in Tägerwilen Nach dem Mittagessen im Hotel Trompeterschlössle in Tägerwilen: Orientierung über die Operationen der Schweden im dreissigjährigen Krieg zwischen Konstanz und Stein am Rhein. Eine Exkursion in die Altstadt von Konstanz gibt dann einen Überblick über den Ablauf der Belagerung durch General Horn im Jahr 1633. Abschluss des Tages beim Kaffee in der Kaserne Bernrain (17.00 ca. Ankunft in Zürich, Carparkplatz Sihlquai)

Reiseleitung

Urs Ehrbar, Oberst i Gst aD, Zihlschlacht

Manni Meier’s Fotogalerie

 

Paul Fischer’s Reisebericht

Grenzraum Kreuzlingen-Konstanz

Der Reiseleiter Urs Ehrbar stieg in Weinfelden, der „zweiten Kantonshauptstadt“ des Thurgaus, zu. Hier besuchten wir als erstes den ehemaligen KP der Grenzbrigade 7. Der „Verein Festungsgürtel Kreuzlingen“ macht noch 35 von ursprünglich 88 Bunkern von aussen zugänglich; zwei vollständig ausgerüstete Kampfbunker und ein Kommandobunker stehen für Besuche offen. Die Kosten dieses Festungsgürtels waren für die damalige Zeit enorm, zirka 300 Millionen Franken nach heutigem Wert.

Damit begann diese Exkursion mit dem jüngsten von vier zu betrachtenden Zeitabschnitten in diesem Raum:

1. Kalter Krieg 1945–1994

2. Zweiter Weltkrieg und vorgängige Aufrüstung 1939–1945

3. Schwedische Belagerung von Konstanz 1633 im Dreissigjährigen Krieg 1618–1648

4. Schlacht bei Schwaderloh am 11. April 1499 während des Schwabenkrieges Januar bis September 1499.

Für Nicht-Thurgauer wie mich dürfte die Geografie des Raumes Kreuzlingen-Konstanz nur sehr summarisch bekannt sein. Deshalb hier doch noch einige Hinweise:

Erstens: Die Altstadt von Konstanz liegt vollständig südlich des Rheins, der in Ost-West- Richtung aus dem Bodensee ausfliesst. Unmittelbar südlich und westlich vor den Stadtmauern der Konstanzer Altstadt liegt Schweizer Gebiet.

Zweitens: Parallel zum Konstanzer Trichter des Bodensees und zum Rhein liegt der Seerücken, ein nur 170 m höher als der Bodensee reichender Hügelzug. An seinem Nordabhang liegt der Tägerwiler und Nüwiler Wald, nur 2 bis 3 km an den Untersee, den Rhein und den Bodensee heranreichend. An diesem Waldrand lag über 11,5 km Länge der Festungsgürtel Kreuzlingen und 1938–1994 der Einsatzraum der Grenzbrigade 7.

Drittens: Am südlichen Rand der erwähnten Wälder liegt in Ost-West-Richtung das Kemmenbachtal: Hier sammelten sich in Schwaderloh 1499 die Eidgenossen vor den Gefechten von Triboltingen und Gottlieben. Im Zweiten Weltkrieg war hier der Standort des (Füsilier-) Stammbataillons 75 (Auszug). Während des Kalten Krieges wurde hier, zur Verhinderung eines Vorstosses in Ost-West-Richtung, ein Panzerhindernis durch Tieflegung der Autobahn A7 in einen Graben errichtet.

Zurück zur Exkursion: In Weinfelden sahen wir im Vorbeifahren noch das Rathaus – mit Grossratssitzungen im Winterhalbjahr – und die „Traube“, früher Gerichtssitz und 1830 liberale Hochburg. Weiter ging es über das beschriebene Panzerhindernis zum Schiessstand von Schwaderloh. Hier war der Sammelplatz, nicht der eigentliche Schlachtort, für etwa 1500 Eidgenossen, die meisten Thurgauer, die sich am 11. April 1499 vom Seerücken hinunter auf die 5000–6000 Mann Fussvolk und 600 Reiter des Schwäbischen Bundes stürzten und sie bis vor Gottlieben und Konstanz verfolgten. Unmittelbar vorausgegangen war ein Ausbruch der schwäbischen Truppen aus Konstanz heraus Richtung Westen bis Ermatingen. Dieses war zum Teil, Triboltingen vollständig niedergebrannt worden. Die Schwaben waren, beutebeladen und zum Teil betrunken, auf dem Rückweg nach Konstanz.

Der auf Reichsseite kriegführende Schwäbische Bund war 1488 ursprünglich als gegen Bayern gerichtet gegründet worden. Die Eidgenossen hatten ihn von Anfang an als feindlich betrachtet. 1495 hatte der Reichstag zu Worms die Errichtung eines Reichskammergerichtes und die Erhebung eines Reichpfennigs beschlossen. Die Eidgenossen hatten diese Beschlüsse abgelehnt. Im April 1499 wurde die Eidgenossenschaft deshalb in Reichsacht gelegt. Konstanz, ab 1498 Mitglied des Schwäbischen Bundes, war mannigfach mit der Eidgenossenschaft verbunden: Nach der Eroberung des Thurgaus 1460 blieb es Sitz des Landgerichts, hatte Landbesitz in Ermatingen und Triboltingen und war vor allem Sitz des Bischofs der grössten Diözese des Heiligen Römischen Reiches.

Die Schwabenkriege hatten anfangs 1499 im Münstertal und an der Luziensteig begonnen und endeten nach der letzten grossen Schlachtbei Dornach am 22. Juli 1499 mit dem Frieden von Basel am 22. September 1499. Die Eidgenossenschaft wurde von jeglicher Pflicht gegenüber dem Reich befreit, de facto unabhängig vom Reich. Sie blieb aber, ohne eindeutige Formulierung, weiterhin Reichsmitglied bis zum Westfälischen Frieden 1648.

Zurück zur Exkursion: Im Restaurant Trompeterschlössle in Tägerwilen assen wir Spatz zu Mittag. Hier fanden im Februar 1945 höchst geheime Verhandlungen zwischen einem Vertreter der französischen Armee, dem Kommandanten der Wehrmachtsgarnison von Konstanz, dem Bürgermeister von Konstanz, dem Statthalter des Bezirks Kreuzlingen und einem Vertreter der Grenzbrigade 7 über eine Internierung der Wehrmachtsbesatzung von Konstanz (etwa 250 Mann) statt. Diese juristisch nicht lupenreine Aktion – weil die betroffenen Wehrmachtsanteile in jenem Moment nicht im Kampf standen – wurde dann im April 1945 tatsächlich durchgeführt. Konstanz – und das schweizerische Kreuzlingen – erlitten auf diese Weise keinerlei materielle Schäden.

Die Ereignisse von 1633 zeigte uns der Reiseleiter vor allem in Konstanz selbst, auf dem Turm des Münsters und im Rosgarten-Museum anhand eines Modells der Stadt im Zustand um 1600: Am 7. September 1633 überschritten schwedische Truppen unter General Horn den Rhein in Stein am Rhein und Gottlieben. Konstanz sollte von Süden her angegriffen werden, weil es über eine Schlüsselstellung in der Abwehr von 9000 Mann spanisch-kaiserlichen Truppen verfügte, die vom Veltlin her Richtung Rhein vorrückten. Die Schweizer schauten am 13. September Beschiessungen aus schwedischen Artilleriestellungen im Kloster Kreuzlingen, unmittelbar vor den Stadtgräben von Konstanz, und am 19. Und 30. September 1633 auch Angriffen von schwedischen Fusstruppen auf Konstanz tatenlos zu! Die Schweden zogen schliesslich erfolglos ab, dem heranziehenden spanisch-kaiserlichen Heer ausweichend, das sie dann 1634 in Nördlingen tatsächlich entscheidend schlug. Die Konstanzer brannten in der Folge das Kloster Kreuzlingen nieder und erlaubten einen Wiederaufbau nur ausserhalb der Reichweite von Kanonen. Die Eidgenossenschaft entschloss sich gegen Ende des Dreissigjährigen Kriegs für eine bewaffnete Neutralität und gab sich 1647 eine erste eidgenössische Wehrverfassung, das Defensionale von Wil.

Beim Spaziergang durch Konstanz sahen wir auch die Herberge des böhmischen Reformators Jan Hus, der 1415 während des Konzils von Konstanz (1414–1418) als Ketzer verbrannt worden war, trotz vorangegangener königlicher Zusicherung des freien Geleits… Ebenfalls in der – vom Zweiten Weltkrieg unversehrten – Altstadt findet sich das Geburtshaus des späteren Generals Wilhelm Henri Dufour (1787–1875), der bis zum siebenten Lebensjahr hier wohnte. Wir danken dem Reiseleiter Urs Ehrbar für die ausgezeichnete Vorbereitung, Dokumentation, Organisation und Durchführung dieser Exkursion.

Text: Paul Fischer (Luzern)