Bild: Uniformjacke eines Zuaven in päpstlichen Diensten, um 1870

Kriege Ludwigs des XIV. (1670-1697)

29.06.2011 - 02.07.2011

Ludwig XIV. bei der Belagerung von Besançon

Die Sonne schien nicht für alle… Der Sonnenkönig, Ludwig XIV., führte seit seinem 30. Lebensjahr bis zu seinem Tode (1715) ununterbrochen Krieg:
1667 – 1668 Devolutionskrieg
1672 – 1678/79 Holländischer Krieg
1688 – 1697 sog. Pfälzischer Krieg
1701 – 1713/14 Spanischer Erbfolgekrieg
Dort, wo die französischen Truppen belagerten und eroberten, siegten und marodierten, wurden allenthalben Stadt und Landschaft in Schutt und Asche gelegt.

Mittwoch

07.45 Abfahrt mit Bus ab Zürich, Carparkplatz Sihlquai Fahrt nach Neuf-Brisach (190km). Besichtigung der Festungsanlage von Sebastian Vauban (UNESCO-Weltkulturgut), erbaut 1699 – 1703 als Gegenfestung zum rechtsrheinischen Breisach. Weiterfahrt nach Türkheim (15km), Mittagessen im Restaurant Au Turenne. Schlacht von Türkheim (5. Januar 1675) Sieg der Franzosen unter Marschall Henri de Turenne. Fahrt nach Strassburg (70km). Zimmerbezug im Hotel Du Dragon. Abendessen im Restaurant L’Alsace à Table. Übernachtung im Hotel Du Dragon, Strassburg

Donnerstag

Strassburgtag: Besichtigung der Altstadt mit dem Münster. Belagerung und Kapitulation Strassburgs vor den Franzosen (19. bis 30. September 1681). Fahrt zum Brückenkopf Strass-burg-Kehl, einer „passage obligé“ seit römischer Zeit. Mittagessen als Picknick unterwegs. Rückkehr ins Hotel. Abendessen fakultativ. Übernachtung im Hotel Du Dragon, Strassburg

Freitag

Abfahrt über Hagenau nach Lembach (60km). Besuch der einst staufischen Höhenburg Fleckenstein, die 1674 von den Franzosen besetzt und 1689 zerstört wurde. Weiterfahrt nach Speyer (80km). Mittagessen im Gasthaus Domnapf. Rundgang durch Speyer mit Besichtigung des salischen Doms von 1060. In der zugehörigen Gruftkapelle sind u. a. die Habsburger Könige Rudolf (+1291) und Albrecht (+1308) bestattet. Die Stadt Speyer wurde 1689 von den Truppen Ludwigs XIV. in Schutt und Asche gelegt. Abendessen und Übernachtung im Hotel Domhof, Speyer

Samstag

Abfahrt nach Heidelberg (30km). Besuch von Stadt und Schloss, die von den Franzosen zwischen 1689 und 1693 weitgehend zerstört wurden. Die einst glanzvolle Residenz der Kurfürsten von der Pfalz gilt heute als „die grossartigste Schlossruine Deutschlands“. Mittagessen im Ristorante Da Mario. Weiterfahrt nach Achern / Sasbach (100km), Ort der Schlacht von Sasbach (27. Juli 1675), in der Marschall Henri de Turenne fiel; Sieg der Franzosen, Museumsbesuch mit
Führung. Rückfahrt nach Zürich (250km) 19.00 ca. Ankunft in Zürich, Carparkplatz Sihlquai

Reiseleitung

Jürg E. Schneider, Dr. phil., Zürich

Ulrich Pfister’s Reisebericht

Kriege von König Ludwig XIV.

Der Sonnenkönig Ludwig XIV. hat während seiner ganzen Regentschaft Krieg geführt, zunächst im Norden gegen die Spanischen Niederlande, das schliesslich die Freigrafschaft Burgund abtreten muss, gegen Holland ohne Erfolg, dann im Osten, um mit dem aus dem Frieden von Münster abgeleiteten Anspruch auf das Elsass die Rheingrenze zu erreichen, und schliesslich mit einem Erbschaftsanspruch auf die Pfalz, die brutal verwüstet wird. Frankreich demonstriert den Höhepunkt der absolutistischen Machtentfaltung. Die wechselnden europäischen Allianzen sorgen jedoch immer wieder für die Erhaltung des prekären Gleichgewichts und binden im beginnenden 18. Jahrhundert Frankreich nach dem spanischen Erbfolgekrieg zurück.

Mit dieser Zusammenfassung der „Grosswetterlage“, wie es unser Reiseleiter Dr. Jürg Schneider jeweils nannte, wenn er souverän und farbig die grösseren historischen Zusammenhänge schilderte, sei der Bericht über diese Reise exponiert, die unsere 14-köpfige Gruppe an einige Stationen dieser Kriege am Rhein führte.

Zunächst besichtigten wir Neuf-Brisach, die im Auftrag Ludwigs vom genialen FestungsbauerSebastian Vauban errichtete Festungsstadt, die sich als Muster der barocken Militärarchitektur bis heute wenig verändert erhalten hat. Sie hatte sich allerdings militärisch nie zu bewähren, heute zählt sie zum Unesco-Weltkulturerbe, das man jedoch zweifellos attraktiver präsentieren könnte. Viele Einwohner pendeln von hier nach Colmar, Schauplatz einer der Schlachten von Marschall Henri de Turenne in den Kampagnen von 1674 und 1675. Auf einer Anhöhe ob Turckheim lag das Gelände des Fechttals vor uns, in dem Turenne, der nicht wie erwartet von Norden, sondern nach einem Marsch durch die Vogesen von Süden her gekommen war, in einer kalten Winternacht seine Truppen unbemerkt hinten durch das Tälchen und über die schneebedeckten Hügel auf die Anhöhen westlich von Turckheim bewegte. Er schlug mit seinem überraschenden Angriff von zwei Seiten die Übermacht der kaiserlichen Truppen in wenigen Stunden und vertrieb sie aus Turckheim und Colmar.

Der zweite Tag war Strassburg gewidmet. Jürg Schneider führte uns in die Geschichte des Münsters ein, beginnend im 11. Jahrhundert. Mehrmals war das Münster durch kriegerische Ereignisse beschädigt worden, 1793 während der Französischen Revolution, 1870 im Deutsch-Französischen Krieg und 1944 im Zweiten Weltkrieg. Nach der Besichtigung des Münsters, der Rue des Moulins und der Schleusen vergegenwärtigten wir uns am Brückenkopf Strassburg-Kehl das wechselvolle Schicksal dieser Stadt, die als freie Reichsstadt eine der ersten Republiken des Deutschen Reiches wurde. Nach den „Reunionen“ der elsässischen Orte wurde sie 1681 von François Louvois, dem Kriegsminister Ludwigs XIV., mit dem Ultimatum vollständiger Zerstörung zur Unterwerfung unter die französische Krone gezwungen. 1870 wurde sie von den Deutschen aufs Brutalste belagert und zerstört und im 20. Jahrhundert nochmals dreimal von der einen auf die andere Seite geschoben. Unter dem Sonnenkönig hat, wie uns das kleine historische Zeitfenster unserer Reise vor Augen führte, diese Tragödie ihren Anfang genommen. Es verwundert nicht, dass unsere Gedanken und Gespräche unter kundiger Leitung immer wieder weit in frühere und spätere Epochen ausuferten.

Auf dem Weg nach Speyer, der mittelalterlichen Kaiserstadt, besichtigten wir die imposante Burg Fleckenstein auf einem riesigen Sandsteinfelsen im hügeligen Wasgau zwischen dem nördlichen Elsass und dem Pfälzerwald. Mit dem Bau wurde im 12. Jahrhundert begonnen, 1680 wurde sie von ins Elsass eindringenden französischen Truppen gesprengt, womit der Zusammenhang mit unserem Thema hergestellt war. Auch wenn unser Reiseleiter gelegentlich betonte, das sei jetzt „nid öppen es Abwiche“, gab aber auch diese Burgruine Anlass zu Exkursen ins Mittelalter und zu einem Spontanreferat von Richard Heierli über die Bergbildung. Und unser Horizont weitete sich noch mehr, als wir vor dem Kaiserdom zu Speyer standen und die hochromanische Fassade dieser bei ihrer Vollendung vor 900 Jahren grössten Kirche des christlichen Abendlandes bewunderten und dabei auf die maurischen Gestaltungselemente aufmerksam gemacht wurden! Der mehrmals wiederhergestellten und erst vor fünfzig Jahren wieder in ihre ursprüngliche Raumgestalt restaurierten Kirche, ist zu ergänzen, denn 1689, als die französischen Truppen ganz Speyer in Schutt und Asche legten, brach auch ein Teil des Gewölbes ein, schmolzen die Bleidächer, wurden die Königsgräber geplündert und ging die ganze Ausstattung verloren. Auf unser besonderes Interesse stiess die Kaisergruft, in der nicht nur die im 11. und 12. Jahrhundertregierenden Salierkaiser Konrad II. und Heinrich III., IV. und V., sondern – was uns Eidgenossen besonders berührte – auch die Habsburger Könige Rudolf und Albrecht liegen. Eindrücklich vor allem auch der in der Vorkrypta stehende Epitaph Rudolfs von Habsburg.

Ein ähnliches Schicksal wie Speyer erfuhr Heidelberg. Die Residenz der Pfalzgrafen wurde 1689 ebenfalls verwüstet, die viel besungene Universitätsstadt jedoch im nächsten Jahrhundert im barocken Stil wieder aufgebaut und gilt bis heute als Wiege der deutschen Romantik. Als Denk- und Mahnmal der Zerstörung steht hoch über der Stadt das ehemalige Schloss – die „nach Umfang, Lage und Schönheit grossartigste Ruine Deutschlands“. Auch mit viel Sprengstoff gelang es im ersten Anlauf, nur Teile des Schlosses zu sprengen. Erst vier Jahre später, nachdem man neue Befestigungen errichtet hatte, die gegen den erneuten Angriff der Franzosen jedoch nicht standhielten, brachten 27 Tonnen Pulver die Türme und Befestigungsmauern zum Bersten, brannten die Gebäude aus. Die Ruine und die noch erhaltenen Gebäude sind heute eine Touristenattraktion, und auch wir liessen es uns nicht nehmen, vor dem Weinfass mit einem Volumen von 223’000 Litern auszurechnen, wie viele Leute es bräuchte, um es in einem Jahr auszutrinken, und vor dem Zwerg Perkeo das bekannte Studentenlied zu singen oder wenigstens zu summen. Zu immerhin einem Glas Wein reichte es beim Italiener in der Stadt, dann ging es bereits auf die Heimfahrt mit einer letzten Station in Sasbach.

Hier steht das Turenne-Museum, ein Zweigmuseum des Hauses der Geschichte Baden-Württembergs. Und vor dem Haus steht das Denkmal zu Ehren von Marschall Turenne, den wir am ersten Reisetag kennen gelernt hatten, und der im Sommer nach jener Schlacht bei Turckheim im Gefecht von Sasbach bei Achern, von einer Kanonenkugel getroffen, gestorben war. Für die Franzosen ist er der grösste Feldherr nach Napoleon, die Deutschen dagegen betitelten ihn damals als „diable“ und „Mordbrenner“.

Die Geschichte des Gefechts ist nicht von Belang, wohl aber die Geschichte dieses Denkmals. Der Strassburger Fürstbischof Kardinal Louis de Rohan liess nach 1782 das Denkmal errichten und daneben ein Häuschen für einen französischen Wärter. Es wurde einmal durch einen unstabilen Obelisken und dann durch eine grössere Stele ersetzt, überstand die Turbulenzen der Geschichte, da das Grundstück Frankreich gehört, wurde jedoch 1940 von den Nationalsozialisten zerstört und 1945 – in der französischen Besatzungszone – wiederaufgebaut und von General de Gaulle eingeweiht. Im ehemaligen Wärterhäuschen befindet sich heute das Museum. Ein früherer Kommandant der deutschen Garnison, Gunter Mahle, zeigte uns das Museum und erzählte uns die Geschichte, die uns zum Abschluss unserer Reise noch einmal vor Augen führte, worum es wirklich ging: nämlich nicht nur um Zeitfenster von 1670–1697, sondern auch um die jahrhundertealte Rivalität zwischen Frankreich und Deutschland, die sich immer wieder am Rhein entzündete und sich immer wieder in grausamen Kriegen entlud. Tröstlich, in diesem Museum zu hören, dass die guten Beziehungen zwischen Elsässern und Badensern über den Grenzfluss hinweg wie schon in früheren Zeiten auch heute wieder spielen und dass die politischen Rivalitäten zwischen den Staaten heute in friedlicherer Form abgehandelt werden.

Dass uns auf dieser Reise nicht nur der Sonnenkönig als Kriegsherr und einige seiner tüchtigen Ausführenden in Verwaltung und Armee, die zur erfolgreichen Expansion der „Grande Nation“ beigetragen hatten, sondern auch die stets wechselnden europäischen Konstellationen näher gebracht wurden, verdanken wir der sorgfältigen und umsichtigen Vorbereitung unseres Reiseleiters Dr. Jürg Schneider. Über die „Grosswetterlage“ beim Morgenrapport hinaus haben wir Jürg Schneiders Gabe, Geschichte und Geschichten anschaulich und humorvoll zu erzählen, überaus genossen. Der weitere Horizont dieser Reise in eine europäische Kernzone reicht von der Antike bis in die heutige Zeit. Unser Reiseleiter verstand ihn auszuloten.

 

Text: Ulrich Pfister (Zürich)