Bild: Uniformrock eines Luftschutzfeldweibels, um 1937

Provence

29.08.2011 - 02.09.2011

Operation Dragoon

Landung der Alliierten in der Provence 1944 – Partisanen in den französischen Alpen „Was auch immer geschehen mag, niemals darf die Flamme des französischen Widerstandes erlöschen, und sie wird auch nie erlöschen.“
Diesen Satz schrieb Charles De Gaulle im Juni 1940. Es dauerte aber noch vier lange Jahre mit deutscher Besetzung und französischer Kooperation, bis diese inneren Widerstandskräfte sich mit der alliierten Invasion im Sommer 1944 verbinden konnten. Die Operation „ANVIL/DRAGOON“ der 7. US Armee im August 1944 hatte zum Ziel: das überraschende Nehmen der Häfen von Marseille und Toulon sowie den anschliessenden Stoss nach Norden durch das Rhonetal zur Verbindung mit der 3. US-Armee. Die Landung an der Côte d’Azur ist in Verbindung mit der Landung in der Normandie („OVERLORD“) und mit den Operationen in Italien („AVALANCHE/SHINGLE“, GMS-Reise 5/11) zu sehen. Eine zusätzliche Problematik ist das ausserordentlich schwierige Zusammenspiel zwischen Invasion und Volksaufstand. Die südfranzösische Küstenlandschaft und die wilden Berggegenden von Hoch-Savoyen mildern mit ihrem einzigartigen Charme die belastende Erinnerung an diese kriegerischen Ereignisse.

Montag

07.15 Abfahrt mit Bus ab Zürich, Carparkplatz Sihlquai
08.30 Zwischenhalt in Bern, P+R Neufeld

Fahrt auf der Autobahn nach Marseille. Unterwegs Kaffeehalt (fak.) und Mittagessen in einer Autobahnraststätte. Abendessen im Club du Vieux Port, Restaurant Entre Sol et Mer. Übernachtung im Grand Hôtel Beauvau, Marseille

Dienstag

Am Morgen Stadtrundfahrt durch Marseille. Anschliessend Fahrt nach Toulon. Orientierung über die Bedeutung als Hafenstadt und die Befreiung von Marseille. Übersicht zur Operation ”Anvil-Dragon“ 1944, zur Befreiung von Toulon und zur Bedeutung als Kriegshafen. Mittagessen am Hafen von Toulon (fak). Besichtigung des Mémorial du Mont-Faron und Hafenrundfahrt. Abendessen und Übernachtung im Hotel Le Provençal, Giens/Hyères

Mittwoch

Fahrt entlang der Landungsküste nach St. Tropez.Orientierung über die alliierten Landungsoperationen (See und Luft) sowie den Kampf um Brückenköpfe. Mittagessen St. Tropez (fak). Weiterfahrt entlang der Landungsküste nach Le Muy. Besichtigung des Musée de la Liberation. Abendessen und Übernachtung im Hotel Le Provençal, Giens/Hyères

Donnerstag

Fahrt durch das Rhonetal nach Die. Orientierung über den alliierten Vormarsch und den deutschen Rückzug. Mittagessen im Restaurant St. Domingue, Die. Am Nachmittag Orientierung über die Partisanen in den französischen Alpen im 2. Weltkrieg und den Widerstand in Vercors. Weiterfahrt nach Vassieux-envercors und Besichtigung Musée/Memorial de la Résistance. Fahrt nach Grenoble. Abendessen fakultativ. Übernachtung im Hotel Mercure Centre Alpotel, Grenoble

Freitag

Fahrt nach Annecy und Col des Glières.Orientierung über die Partisanen in der Haute-Savoie und den Widerstand in Glières. Mittagessen auf dem Col des Glières. Orientierung über die Bedeutung des Grenzgebietes zur Schweiz im 2. Weltkrieg. Rückfahrt über Genf und Bern nach Zürich (18.30 ca. Zwischenhalt in Bern, P+R Neufeld /19.45 ca. Ankunft in Zürich, Carparkplatz Silquai)

Reiseleitung

Hans Rudolf Fuhrer, PD Dr., Meilen, Reiseleiter
Roland Haudenschild, Dr., Spiegel b. Bern, (verantwortlich für Dokumentation und Logistik)

Rouven Huber’s Fotogalerie

 

Bruno Bonin’s Reisebericht

Provence

„Militärhistorik ist nicht nur Kaliber und Betondicke, sondern es geht auch um Menschen.“ So Reiseleiter PD Dr. Hans Rudolf Fuhrer bei seinem Dank an die fünf mitgereisten Damen – gerade deshalb sollte doch Militärgeschichte zum Anfassen auf Frauen eine nicht geringe Anziehungskraft ausüben.

Diese Reise führte uns 33 Teilnehmer und Teilnehmerinnen bei besten Wetterbedingungen an die Mittelmeerküste und in die Savoie. Es galt, vor Ort etwas über Umstände, Durchführung und Folgen der Landung der Alliierten in der Provence im Zweiten Weltkrieg sowie über die Zusammenarbeit mit den französischen Partisanen – dem Maquis – und deren Schicksal zu erfahren. Am eigentlich ereignisarmen ersten Tag – für die Geschichte der GMS sei dies festgehalten – erlitten wir einen Autounfall. Um 16.20 Uhr, 78 km vor Marseille, fuhr unserem Bus ein PW von hinten auf. Gegenpartei: Totalschaden, eine Verletzte. Nach der aufwändigen Arbeit von Gendarmerie und Rettungsdiensten konnten wir um 18.01 Uhr weiterfahren.

Nach kurzer Nacht am chaotisch belebten Vieux Port von Marseille bestiegen wir den 150 m hohen Hügel über Marseille mit der Basilika Notre Dame de la Garde, welche wacht und beschützt. Vom effizienten Wirken berichten unzählige Votivtafeln. Der Hügel bot uns aber auch einen herrlichen Blick über Stadt, Häfen und Anmarschachsen der Franzosen während der Befreiung.

Von diesen Kämpfen zeugen noch heute eigens mit Tafeln bezeichnete Einschussspuren an der Kirche. Die vom Land her umfassend angreifende französische 3eme Division d’infanterie algérienne unter General Monsabert konnte, auch dank der Hilfe der Résistance in Marseille, schon am 23. August 1944 eindringen, und am 28. August legten die letzten kämpfenden Verteidiger die Waffen nieder. Eisenhower brauchte Häfen, vor allem Häfen für die Versorgung. Auf der Weiterfahrt an den Tagen zwei und drei nach Toulon, Hyères, St.Tropez, Fréjus, Le Muy wurden dann „Leckerbissen um Leckerbissen“ serviert. Die Landung an der Mittelmeerküste Frankreichs erfolgte am 15. August 1944 um acht Uhr westlich und östlich von St.Tropez. Diesem Tag war jedoch eine mindestens zweijährige Entwicklung und Planung vorausgegangen.

Nach den Ereignissen seit November 1942 mit den alliierten Landungen in Nordafrika, Sizilien und Italien und dem Einmarsch der Deutschen in Vichy-Frankreich begannen bei Briten und Amerikanern Debatten und Planungen über das weitere Vorgehen. Churchill plädierte für einen Vormarsch Triest–Wien–Warschau. Er wollte die Sowjets von Mitteleuropa fernhalten. Die Führung der USA entschloss sich jedoch schliesslich für eine Zangenlandung in Frankreich. Es liesse sich nun spekulieren über den Verlauf der Nachkriegsgeschichte, hätte Churchills Idee Erfolg gehabt.

Nach diesem Entschluss begannen Ende April 1944 strategische Bombardements der südfranzösischen Küste (Erkundungsflug von Antoine de Saint-Exupéry). Ausserhalb des Landungsbereichs über dem Rebberg Mauvannes bei Hyères betraten wir eine trotzdem noch erstaunlich intakte, am Vorderhang gelegene Küstenbatteriestellung. Kurz vor Invasionsbeginn wurden zur Täuschung Scheinanlandungen und Luftlandungen mit Puppen durchgeführt. Hervorzuheben ist auch, dass bei dieser Operation „Anvil-Dragoon“ im Gegensatz zur Operation „Overlord“ erstmals Franzosen miteinbezogen wurden. Die Vorbereitungsaktionen Stunden vor der tatsächlichen Invasion am 15.8.1944 8 Uhr waren:

  • Der französische Widerstand wird vorgewarnt. Dieser lieferte übrigens hochkarätige Aufklärung, wie wir im Mémorial du Mont-Faron auf einer der Achsen der 1. Französischen Armee beim Vormarsch auf Toulon feststellen konnten.
  • Zwei vorgelagerte Inseln westlich von St.Tropez, auf denen fälschlicherweise starke Batterien vermutet wurden (Attrappen), werden durch die Special Service Force Sitka besetzt.
  • Flankierend werden im Westen bei Cap Nègre durch die Groupe de Commandos d’Afrique Stellungen ausgeschaltet und die Anmarschachsen gesperrt. Im Osten landet die Groupe Naval d’Assaut Force Rosie bei der Pointe de l’Esquillon mit demselben Auftrag, gerät aber in ein Minenfeld und erleidet hohe Verluste.
  • Bei Le Muy, 25 km hinter den deutschen Linien, erfolgt eine Luftlandung der 1st Airborne Task Force unter General Frederick mit ungefähr 10 000 Mann und auch schwerem Gerät. Diese sperren die Zugänge zum Invasionsgebiet. Teile landen falsch weitab bei St.Tropez und können dieses besetzen.

Bei der Anfahrt der Schiffkonvois sind rund 2000 Schiffe seit dem 9. August 1944 aus Süditalien, Nordafrika und Mittelmeerinseln unterwegs und versammeln sich vor der Provence. Eine Meisterleistung!

Unter dem Oberkommando der 7. US-Armee obliegt der Hauptstoss dem VI. US-Korps. Es landet mit drei Divisionen nebeneinander an den Landestreifen von West nach Ost. Sie treffen im Wesentlichen auf die 242. Infanteriedivision der deutschen 19. Armee (Wiese). Diese ist durch die Abgabe von Truppen für die Normandie geschwächt; es mangelt an Transportmitteln und Artillerie. Die einzige bewegliche Reserve, die 11. Panzerdivision, wird vom OKW zu spät frei gegeben und kann nicht in die Kämpfe an der Küste eingreifen. Ohne grössere Verluste, auch dank Lehren aus Dieppe und der Normandie, können die Truppen am ersten Tag landen, Brückenköpfe halten, und es gelingt der Zusammenschluss mit der 1st Airborne Task Force. In zweiter Welle geht die 1. Französische Armee unter General de Lattre de Tassigny an Land und wird zur Befreiung von Toulon und Marseille eingesetzt.

Schon am 17. August 1944 erlaubt Hitler den Rückzug ausser aus Marseille und Toulon. Die Deutschen bewerkstelligen einen schwierigen, aber geordneten Rückzug, immer im Kampf mit den Alliierten und der Résistance. Bereits am 22. August 1944 erreichen die Amerikaner Grenoble. Damit haben sie die 19. Armee, welche im Rhonetal marschiert, überholt. Es gelingt jedoch nicht, den Rückzug abzuschneiden. Insbesondere unterliegt die mobile Task Force Butler nördlich von Montélimar der 11. Panzerdivision. Die Deutschen erreichen schliesslich bei Belfort eine Auffangstellung.

Wir folgten den Alliierten nicht weiter, sondern setzten uns über den imposanten Col de Rousset ins Plateau du Vercors ab. Auf dieser nur sehr schwer zugänglichen Hochebene hatten sich seit Anfang 1943 Widerstandskämpfer organisiert. Und nur einen Monat nach der Invasion in der Normandie – also viel zu früh, die Alliierten konnten wenig Hilfe bieten – wurde euphorisch die République du Vercors ausgerufen.

Die Deutschen und natürlich auch Vichy konnten das nicht dulden. Der Angriff der beiden erfolgte umgehend. Die Maquisards wurden geschlagen und verschwanden. Racheakten der Besetzer fallen Gefangene, Verwundete und die Zivilbevölkerung zum Opfer. Vassieux-en-Vercors wird dem Erdboden gleichgemacht.

Aus Anlass dieser Ereignisse macht man sich Gedanken über die zwischenmenschliche Befindlichkeit der damaligen Franzosen. Für Nazisympathisanten und Anpasser waren Invasoren und Maquis überflüssig. Wir finden Gleichgültige, die einfach zu überleben versuchten. Daneben stehen diejenigen, welche zum Widerstand bereit waren. Da ist einerseits der von De Gaulle und anderen Generälen ohne Mandat organisierte externe Widerstand, der auch über eine Armee verfügte. Daneben finden wir im Innern – völkerrechtlich nicht geregelt – eine bewaffnete Armée secrète (später FFI, Forces françaises de l’intérieur) bestehend aus Angehörigen der ehemaligen regulären Armee und Widerstandskämpfern, sowie die zunächst unabhängig entstandenen, über ganz Frankreich verteilten Réduits de Résistance. Dass man nicht am gleichen Strick zog und sich gegenseitig misstraute, ist einleuchtend. Nach Übernachtung in Grenoble zeigte uns die Reiseleitung am letzten Tag eine weitere Zone, wo sich der Maquis im Réduit des Alpes eingerichtet hatte – das Plateau des Glières. Ein weiteres kleines Hochtal auf 1400 m ü. M., damals nur über beschwerliche Wald- und Bergpfade erreichbar.

Vor der Führung durch einen französischen Guide servierte uns Roland Bühler, unser Fahrer, noch Kaffee und Läckerli auf offenem Feld – herzlichen Dank! Der Guide und unser Reiseleiter erklärten das Abwehrdispositiv von Glières, erzählten von Schicksalen und berichteten schliesslich über die Säuberung durch die deutsche 157. Reservedivision und Vichy-Milizen. Die Maquisards versuchten schliesslich zu exfiltrieren.

Bei seiner letzten Vorlesungssequenz im Bus ging Hans Rudolf Fuhrer auf die damaligen Reaktionen der Schweizer Armee ein. Das Réduit wurde aufgegeben und die Grenzen wieder voll besetzt. Gemäss Absprachen der Generäle Guisan und De Lattre de Tassigny richtete die 1. Französische Armee ihren weiteren Vorstoss über Basel dem Rhein entlang Richtung Vorarlberg. Damit war die Nordgrenze doppelt gesichert und Übertritte deutscher Truppen unwahrscheinlich. SS-Truppenverbände hätte die Schweiz nicht interniert, sondern kampfbereit zurückgewiesen.

Eine wunderbare GMS-typische Reise mit Harmonie, Gelassenheit und verhaltenem Humor ist Geschichte. Wir danken für die sorgfältige, enorme Arbeit der Reiseleitung. Dr. Roland Haudenschild für Idee, Dokumentation, mehrmals tägliches Aufdatieren mit Extrablättern und saubere Logistik. Hans Rudolf Fuhrer für seine herrlichen, weit gefassten Schilderungen und seine Geduld und Flexibilität im Umgang mit all unseren Fragen.

 

Text: Bruno Bonin (Meilen)