Bild: Uniformrock eines Luftschutzfeldweibels, um 1937

Wider die Russen

06.06.2011 - 10.06.2011

Dukla Pass battle monument

Karpatenkämpfe im 1. und 2. WK. Von den Schlachten bei Lemberg 1915 zu den Kämpfen am Jablunycja Pass 1939 – 1944.

Montag

07.15 Abflug ab Zürich mit LOT, Kurs LO 5412, Umsteigen in Warschau, 13.50 Landung in Lemberg, Besichtigung mit Stadtrundfahrt der UNESCO Kulturstadt Lemberg, mit u.a. k.u.k. Bahnhof, Oper, Pulverturm, Rathaus; anschliessend Besichtigung der Zitadelle und Übernachten im Turmhotel der Zitadelle. Abendessen und Übernachtung im Hotel Citadel Inn, Lemberg

Dienstag

Von Lemberg nach Alt Sambir am Fusse der Karpaten. Russische Abwehrstellung von 1915 bei Borynia. Usoker Pass am Karpatenkamm (852 m): Kämpfe gegen die Russen 1944. Mittagessen im Gelände (Picknick). Besuch von Volovec an der Karpatenbahn (russ.-österr. Kämpfe im 1. WK). Am Tartarenhügel vorbei (ungarische Arpadlinie des 2. WK) nach Norden über den Schtschaslyvol Pass nach Tucholska am russischen Festungsberg Zwinin (1915). Zurück nach Süden über die umkämpfte Verecke Strasse nach Munkacs/Mukaceve in der südkarpatischen Ebene. Abendessen und Übernachtung im Hotel Star, Mukaceve

Mittwoch

Besuch des deutschsprachigen Dorfes Pauschnig (bayrische Einwanderer) in der Umgebung und anschliessend Fahrt zur altungarischen Festung Munkacs hoch über dem Tal. Nach dem Mittagessen Weiterfahrt nach Uzgorod/Ungvar an der slowakischen Grenze mit mächtiger Zitadelle (Museum). Rückfahrt nach Mukaceve. Abendessen und Übernachtung im Hotel Star, Mukaceve

Donnerstag

Fahrt über die Ebene nach Beregove und Vinogradiv sowie nach Kust an der Theiss. Nach dem Mittagessen Fahrt durch das romantische, bergige Theisstal hinauf zum Jablunka Pass, wo der 2. WK mit einem Überfall der Deutschen begann. Über die sehenswerte Stadt Kolomija nach Ivano-Frankivsk, das alte Stanislau. Abendessen und Übernachtung im Hotel Nadya, Ivano-Frankivsk

Freitag

Von Ivano-Frankivsk zum See von Burstin und über Rogatin entlang der Gnila Lipa (k.u.k. Stellung im 1. WK) nach Peremisljani (1. Schlacht von Lemberg). Anschliessend Besuch der Zitadelle von Zolociv und Rückfahrt nach Lemberg 14.40 Abflug ab Lemberg mit LOT, Kurs LO 766, Umsteigen in Warschau, 19.05 Landung in Zürich

Reiseleitung

Heinz Hürzeler, Dr. med., Winterthur

 

Anton Koller’s Reisebericht

Wider die Russen

Montag: Anreise und Besichtigung Lemberg

Gespannt warteten am Gate im Zürcher Flughafen 21 Reiseteilnehmer auf die letzten beiden Mitreisenden; aber die diese schafften es leider nicht, den Start der LX1342 nach Warschau mit Abflug schon um 7.15 Uhr zu erreichen. Auch gab es gleichentags, trotz grossen Bemühungen des Reisebüros Schmid, keine andern Flugmöglichkeiten mehr nach Lemberg; so mussten die beiden Langschläfer auf die schöne Reise verzichten. Das Umsteigen für uns übrige Reiseteilnehmer auf den Anschlussflug in Warschau klappte bestens, und bereits gegen 14.00 Uhr – unsere Uhren waren schon eine Stunde vorgestellt – waren wir in Lemberg, der grössten Stadt der Westukraine.

Vom ukrainischen Reiseleiter, dem Historiker Jurij Arabskyj, wurden wir in Empfang genommen, üppig mit Kartenmaterial versorgt und im Reisebus in die Stadt gefahren. Zuerst zum  schönen Hauptbahnhof, entstanden zu Beginn des 20. Jh. Er war seinerzeit einer der vollkommensten und modernsten Bahnhöfe in der damaligen k.u.k. Monarchie.

Galizien, Transkarpatien und auch die Stadt Lemberg (ukrainisch: L’viv) waren seit dem Zerfall der Habsburger Monarchie 1918 stark den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West ausgesetzt. Die Besetzer und die Zugehörigkeiten zu den Nationen haben häufig gewechselt. Dies zu beschreiben würde den Umfang dieses Reiseberichts deutlich sprengen. Darum nur in Stichworten: Polen und Ungarn, russische Besetzung, deutsche Besetzung, Judenvernichtung, Rückeroberung durch die Russen, Ukraine als Teil der Sowjetunion, ab 1991 selbständige Ukraine.

Aus dem Bus und auf einem tüchtigen Fussmarsch besichtigten wir einige der vielen Sehenswürdigkeiten von Lemberg. Die Architektur dieser faszinierenden Stadt ist durch die vergangenen Jahrhunderte geprägt und im Wesentlichen recht gut erhalten geblieben. In Erinnerung sind mir geblieben das im Neo-Renaissance-Stilerbaute Opernhaus, das Apothekenmuseum, die diversen Bürgerhäuser mit ihren Barockfassaden aus dem 15. und 16. Jh. am Marktplatz und eine grosse Zahl von Kirchen und Klöstern verschiedener Religionsrichtungen und Epochen. Hier könnte man mehrere Tage verweilen, nicht bloss drei bis vier Stunden. Nicht umsonst zählt Lemberg zum Unesco-Weltkulturerbe.

In der Stadt konnten wir noch unsere Euros in Griwna umwechseln (1 Euro = 11,6 Griwna). Mit dem Bus erreichten wir unser Tagesziel, den Zitadellenhügel. Auf diesem Hügel südwestlich der Altstadt findet sich die von den Österreichern im 19. Jh. erbaute Zitadelle mit dem Kernreduit und den vier Turmreduits. Das Kernreduit ist in den letzten Jahren architektonisch sehr raffiniert zu einem topmodernen Fünfsternhotel umgebaut worden, in dem wir unsere erste Nacht verbringen sollten.

Für die Führung durch das weitläufige Zitadellengelände unterstützte Mykola Hajda vom städtischen Baudenkmalamt unsere Reiseleiter. Die insgesamt vier Turmreduits sind in sehr unterschiedlichem Zustand, von teilrestauriert bis halbverfallen.

Nach einem gepflegten Nachtessen wurden wir noch für eine kurze Nachtübung in ein Sitzungszimmer gebeten. Da die Daten des ukrainischen Referenten auf unserem Laptop nicht lesbar waren, blieben seine Ausführungen kurz. Unser Reiseleiter Dr. Heinz Hürzeler erläuterte anschliessend als Vorbereitung auf den nächsten Tag die Eisenbahnlinien über die Karpaten zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Todmüde von diesem langen Tag sanken wir gegen Mitternacht in die perfekten Hotelbetten.

Dienstag: Die lange Fahrt durch die Karpaten von Nord nach Süd

Abfahrt bereits um 8 Uhr. Eine lange Busfahrt von fast 300 km quer durch die Karpaten stand auf dem Programm. Der Besuch der Stadt Sambir fiel aus Zeitgründen weg. Wir besuchten die Kleinstadt Horodok. Hier fand zu Beginn des Ersten Weltkrieges eine erbitterte Schlacht zwischen russischen und österreich-ungarischen Truppen statt.

Die Fahrt auf den Usokerpass (852 m ü. M.) zog sich in die Länge, denn diese Strasse entspricht nicht europäischem Standard. Häufig musste unser Chauffeur wegen tiefen Schlaglöchern langsam und Slalom fahren. Die Reisegeschwindigkeit sank auf etwa 40 Stundenkilometer. Gegen Mittag erreichten wir die Passhöhe, wo uns ein Sachverständiger für Karpatenkriege, der ungarische Militärhistoriker Oberst Jozsef János Szabó erwartete. Auf dem einsamen Pass steht ein schlichtes Denkmal, das an die Kämpfe von 1914 zwischen Österreich/Ungarn und den von Norden angreifenden Russen erinnert. In der gleichen Gegend fanden auch im Zweiten Weltkrieg blutige Gefechte zwischen den Deutschen und den Russen statt.

Der Usokerpass streift auf der Passhöhe polnisches Gebiet und ist deshalb durch die Grenzpolizei streng bewacht. Vor einer geschlossenen Schranke wurden auch im Bus wieder die Ausweise kontrolliert. Nach kurzer Abfahrt auf der Südseite des Passes verliessen wir die „Hauptstrasse“  und fuhren rund 45 km durch ein Seitental, um eine weiter östlich gelegene Passstrasse zu erreichen. Wir staunten ob der Fertigkeit unseres Fahrers. Gekonnt steuerte er den grossen Bus über die Viertklasstrassen. Durch das ständige Holpern stieg jedoch die Klimaanlage unseres Busses aus. Es wurde heiss und heisser, und die Fenster liessen sich nicht öffnen! Über einen weiteren Passübergang besuchten wir den Ort Volovec, das „Airolo der Karpaten“. Hier werden die Züge für die einzige noch regelmässig befahrene Bahnstrecke durch die Karpaten abgefertigt. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Viadukt dieser Doppelspurstrecke gesprengt und später wieder geflickt.

In dieser Gegend – wir näherten uns von Süden der berühmten Arpadlinie am Hauptkamm der Karpaten – war unser Begleiter, der ungarische Oberst in seinem Element. Hier seine Erkenntnisse gemäss seiner eigenen Homepage:“Ständige Befestigungen müssen an besonders gefährdeten, aber leicht sperrbaren Abschnitten, unter Ausnützung der natürlichen Hindernisse angelegt werden. Aus diesen Gründen wurden im Zweiten Weltkrieg in den Karpaten nur die Pässe befestigt, die aber sehr stark. Zwischen den einzelnen Talsperren wurden nur Feldbefestigungsanlagen angelegt, viele unter Ausnützung von Gräben aus dem Ersten Weltkrieg. In den einzelnen Talsperren waren die Bunker nur gegen Bomben- und Artillerieangriffe gedacht, die Feuerstellungen waren offen, in Feldbefestigungsanlagen untergebracht. Die Verteidiger sollten mit ständigen Gegenschlägen den feindlichen Aufmarsch und die Angriffsvorbereitungen stören. Die Talsperren waren Igelstellungen und gegen Angriffe aus allen Richtungen befestigt. Die einzelnen Stellungen und Bunker konnten sich gegenseitig Feuerschutz geben.“

Weiter fuhren wir nordwärts bis zum Dorf Oriava. Von dort geniesst man einen schönen Ausblick auf den Hauptkamm der Karpaten. Da wir im Car fast verschmachtet waren, wurde der unmittelbar neben dem Haltepunkt des Cars gelegene Lebensmittelladen gestürmt. Für nur 3,5 Griwna, das entspricht etwa 40 Rappen, gab’s eine grosse Flasche gekühltes Bier.

Nun ging’s die letzten rund 80 km in flotter Fahrt dem nächsten Tagesziel, der grösseren Stadt Mukaceve entgegen. Hier erwartete uns für zwei Nächte ein etwas einfacheres Hotel mit immer noch vier Sternen; für unsere Begriffe gut drei. Unser Car mit der defekten Klimaanlage wurde ausgeräumt, anderntags sollte es mit einem Ersatzbus weitergehen. Das Nachtessen fand in einem gedeckten, kühlen Innenhof des Hotels statt.

Mittwoch: Rund um Mukaceve und nach Uzhorod

Am Vormittag besuchten wir das deutschsprachige Dorf Pauschnig, wo sich im 19. Jh. Auswanderer aus Bayern angesiedelt hatten. Auf dem Gedenkstein vor der schlichten Dorfkirche erinnern deutsche Namen an die Opfer der beiden Kriege. Nach kurzer Fahrt erreichten wir die nur drei Kilometer von Mukaceve entfernte altungarische Festung, das Schloss Palanok. Es wurde im 14. Jh. gebaut, vielfach umgebaut und hat mehrere kriegerische Angriffe überstanden. Prächtig war die Aussicht auf die Umgebung und die Stadt. Zum Mittagessen besuchten wir ein Speiselokal in der näheren Umgebung unseres Hotels.

Für den Nachmittag war der Besuch der Horjans’ka-Rotunde, der kleinen St. Anna-Kirche und der Stadt Uzhorod vorgesehen. Die kleine Kirche war schwierig zu finden, denn sie versteckt sich ausserhalb eines Vorortes von Uzhorod auf einem Hügel hinter Bäumen, und es gibt keine Wegweiser. Die Rotunde dieser Kirche stammt aus dem 12. Jh., der Anbau des Kirchenschiffs ist jünger. Das Gotteshaus war früher römischkatholisch, heute ist es griechisch-orthodox. Die Rotunde enthält teilweise zerstörte Fresken aus dem 14. Jh., die einem italienischen Meister zugeschrieben werden. Das Kirchlein ist einzigartig schön und strahlt eine wohltuende Ruhe und Geborgenheit aus.

Beim anschliessenden Besuch der Stadt Uzhorod herrschte in der Innenstadt ein solches Verkehrschaos, verursacht durch illegal parkierte Autos von Zigeunern, dass von Hand ein Auto weggeschoben werden musste, um unserem breiten Car die Weiterfahrt zu ermöglichen! Wir besuchten die Burganlage im grossen Parkhügel, stärkten uns im Keller einer Bierkneipe, durchwanderten die Fussgängerzone und waren froh, am Rande der belebten Innenstadt wieder vom Bus abgeholt zu werden.

Auf der Rückfahrt schilderte uns unser umsichtiger und aufmerksamer ukrainischer Reiseleiter Jurij Arabskyj seine persönlichen Eindrücke von der politischen und wirtschaftlichen Lage der Ukraine in ergreifender Offenheit. Das Land sei gespalten und Pufferzone geworden zwischen West und Ost. Es werde immer abhängiger von Russland und fühle sich von der EU im Stich gelassen. Der grassierenden Korruption sei kaum beizukommen.

Donnerstag: Durch die Tiefebene entlang der Theiss und wieder über die Karpaten

Die abwechslungsreiche Fahrt führte uns in südöstlicher Richtung durch die fruchtbare Tiefebene an die Theiss, die hier die Grenze zu Rumänien bildet. Es gedeihen da reichlich Trauben, Früchte und Gemüse. An einer ehemaligen Übersetzstelle machten wir eine kurze Rast. Vor zwei Jahren beim Rekognoszieren habe hier noch ein Übersetzboot aus dem Zweiten Weltkrieg gelegen, heute ist es weggeschwemmt.

Die Theiss kommt aus den Karpaten; wir folgten dem Gebirgsfluss und der uns begleitenden, aber wenig befahrenen Eisenbahnlinie RichtungNorden. Kurz vor Rakhiv stiessen wir auf das Denkmal zur Mitte Europas.

Weiter führte uns die Reise durchs romantische Theisstal auf den in beiden Kriegen heftig umkämpften Yablunytskyipass (931 m). Diesen Pass darf man nicht mit dem etwa 400 km westlicher liegenden Jablunkapass verwechseln. 1944 fanden hier Durchbruchskämpfe der Roten Armee von Norden her gegen die auf ihrem Rückzug eingegrabenen Deutschen statt. Ziel war der Durchbruch durch die Karpaten in die ungarische Tiefebene.

Hier machten wir eine kurze Pause in der Umgebung von vielen Souvenirhändlern. Nun, wir befanden uns auch in der Tat in einem der bekanntesten Skigebiete der Karpaten. Hier wird trotz der geringen Höhe bis im Mai Wintersport betrieben, so schneereich ist diese Gegend. Die Besichtigung der Stadt Kolomyia fiel aus Zeitgründen buchstäblich ins Wasser, es hatte nach vier schönen Reisetagen denn auch wirklich ein heftiger Dauerregen eingesetzt. Nach langer Fahrt erreichten wir den Etappenort Ivano-Frankivsk, das ehemalige Stanislau. Im Hotel Nadya mitten in der Stadt waren wir bestens untergebracht.

Freitag, Rückfahrt mit Besichtigungen bis nach Lemberg und Rückflug

Bereits um 7 Uhr war Abfahrt, die letzte Nacht also recht kurz! Das Wetter war leider garstig geblieben. Wir besuchten noch Schlachtfelder aus dem Ersten Weltkrieg südöstlich von Lemberg und in Zolovic die Zitadelle.

In Komarow, der Stätte der grössten Kavallerieschlacht während des polnisch-bolschewistischen Krieges im Jahre 1920 besichtigten wir das Denkmal bei strömendem Regen nur noch vom Bus aus.

Über die Südumfahrung von Lemberg erreichten wir rechtzeitig den Flughafen. Dankbar verabschiedeten wir uns von unserem kompetenten ukrainischen Reiseleiter und dem zuverlässigen Busfahrer. Via Warschau erreichten wir pünktlich Zürich.

Diese Reise hat mir einen kurzen, aber sehr intensiven Einblick gegeben, einerseits was sich in den ukrainischen Karpaten während der beiden Weltkriege abgespielt hat und andererseits was heute in der landschaftlich sehr schönen Ukraine wirtschaftlich und politisch vor sich geht.

Im Namen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer möchte ich mich herzlich bei Dr. Heinz Hürzeler und seiner Gattin Rosmarie für die umsichtige Planung, die umfangreiche Dokumentation und die gekonnte Durchführung dieser anspruchsvollen Reise bedanken.

Text: Anton Koller (Bonstetten)