Bild: Frack des Grenadieroffiziers Hptm Emanuel von Vincenz im 1. Fremdenregiment des Kirchenstaates, um 1855

GMS Herbsttagung 2016

05.11.2016

Thema: Gebirgskrieg

Samstag, 5. November 2016, 0945 – 1315, Universität Zürich, Hauptgebäude Rämistrasse 71, Raum KOH B-10

mit Referaten von PD Dr. Hans Rudolf Fuhrer, Dr. Peter Baumgartner und Dr. Alexander Jordan

Rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung der GMS für die Herbsttagung mit dem Titel „Gebirgskrieg“. Hans Rudolf Fuhrer beleuchtete die Diskussionen zwischen Theophil Sprecher von Bernegg und Ulrich Wille rund um die Schaffung der Schweizer Gebirgstruppen vor mehr als 100 Jahren. Peter Baumgartner legte einen Tour d’horizon über 100 Jahre Ausbildung und Einsatz im Gebirgsdienst vor und Alexander Jordan referierte zum Thema „Alpen als Kriegsschauplatz im Ersten Weltkrieg vom Grenzschutz in Tirol zur Materialschlacht der Maioffensive 1916“.

 

Sprecher gegen Wille

Theophil Sprecher von Bernegg hatte nach seinem Amtsantritt 1905 als Generalstabschef die Aufgabe, eine neue Militärorganisation (MO 1907) aufzuziehen. Seine Mobilmachungsaufstellung richtete sich in erster Linie gegen Frankreich, in zweiter Linie gegen Italien, und der schlimmste Fall war der Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Italien gleichzeitig. Von Deutschland und Österreich-Ungarn erwartete er keine Bedrohung. Seine Idee waren 6 Divisionen mit drei operativ selbständigen Brigaden und die Schaffung von spezialisierten Gebirgstruppen sowie Mitrailleurformationen. Ulrich Wille sah gemäss Hans Rudolf Fuhrer eine neue Truppenordnung als nicht dringlich an. Wichtiger waren in seinen Augen die Ausbildung und die Erziehung zum Kriegsgenügen. Seiner Ansicht nach genügten für das Gebirge wenige Spezialisten. 1909 beendete er allerdings seine Opposition. Am 1. Januar 1912 trat die TO 11 in Kraft. Für Sprecher war die Schweiz ein Gebirgsland par excellence. Die Grenzen liegen im Hochgebirge und die Alpentransversalen sowie die Festungen mussten in ein Verteidigungsdispositiv eingebaut werden. Das Gebirge ist der Verbündete des Schwächeren.

 

Entwicklung der Gebirgsausbildung bis in die Neuzeit

Oberst i Gst aD Peter Baumgartner hat selber und über seinen Vater eine enge Verbindung zur Gebirgsausbildung. In seinem Referat skizzierte er die Anfänge der Gebirgsausbildung im Kanton Graubünden und schlug den Bogen bis zur Armee XXI und der WEA. Während man zur Zeit des Ersten Weltkrieges froh um Transportkapazitäten im Gebirge war, nahm die Bedeutung des Gebirgsdienstes mit der TO 25 nicht zuletzt aus finanziellen Gründen wieder ab. Erst mit der TO 37 wurde mit dem Gebirgsdienst die Basis für die Réduit-Strategie gelegt. Alpinismus wurde zur Prestigeangelegenheit. In zentralen Kursen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine einheitliche Gebirgsdoktrin gelehrt. Unter der TO 61 erlebte der Gebirgsdienst seinen Höhepunkt. Die Armee wuchs auf 750’000 Leute an. Das Gebirgsarmeekorps 3 (Geb AK 3) wurde gegründet und mit ihm die Gebirgsinfanterierekrutenschulen. Ca. 120’000 Wehrmänner genossen regelmässig eine militärische Gebirgsausbildung. In der Armee 95 und Armee XXI kam es zu einer Reduktionen der Bestände. Mit der Einführung des Transporthelikopters (Super Puma) in der Armee 95 relativierte sich doktrinmässig die Bedeutung des Massenheeres im Gebirge. Fortan gab es zentrale Gebirgskurse auf zwei Stufen. Die Mehrheit musste sich nur noch im Gebirge bewegen und vorbereitete Stellungen bzw. Unterkünfte beziehen können. Nur noch die Spezialisten müssen das ganze Repertoire beherrschen, z.B. die Rettung. Heute gibt es noch etwa 400 Spezialisten, die eine 365-Tage-Bereitschaft aufrecht erhalten müssen. Diese sind auch bei den Bergungsarbeiten des jüngsten F/A-18 Absturzes Ende August 2016 zum Einsatz gekommen.

 

Der Gebirgskrieg im Ersten Weltkrieg

Dr. Alexander Jordan, Direktor und Geschäftsführer des Wehrgeschichtlichen Museums Rastatt (D) referierte über die Alpen als Kriegsschauplatz im Ersten Weltkrieg – vom Grenzschutz in Tirol zur Materialschlacht der Maioffensive 1916. Dem alpinen Kriegsschauplatz muss man gemäss seiner Beurteilung eine Sonderstellung zugestehen. Nirgends sonst bot sich den Soldaten so schwieriges Gelände, gepaart mit widrigsten Witterungsbedingungen und einem allgegenwärtigen, unbarmherzigen Feind: der Natur. Da sich alle Beteiligten, die Italiener ebenso wie die Österreicher und Deutschen, diesen höheren Gewalten ausgeliefert sahen und man um die Probleme des Gegners wusste, zollte man sich gegenseitig hohen Respekt. Erste Kampfhandlungen – auch mit deutscher Beteiligung – gab es kurz nach Kriegsausbruch, im Sommer 1915 in den Dolomiten, als das frisch aufgestellte Deutsche Alpenkorps beim Grenzschutz half. Die Elitetruppen Tirols, die Kaiserjäger und die gebirgserprobten Landesschützenregimenter, waren in Galizien und Serbien grossteils aufgerieben worden. Dem Landesverteidigungskommando Tirol standen nur die kurzfristig aufgebotenen und schlecht ausgerüsteten Standschützen und das zu Hilfe eilende Deutsche Alpenkorps zur Verfügung. Die Tradition der deutschen Gebirgstruppe ist, bis in unsere Tage, eng mit diesen frühen Ereignissen verknüpft. Die Südtiroloffensive (auch Maioffensive oder Frühjahrsoffensive) war eine der bedeutendsten Angriffsoperation der österreichisch-ungarischen Armee während des Ersten Weltkrieges an der Italienfront. Die Offensive, die am 15. Mai 1916 mit Hauptstossrichtung Richtung Venezianische Tiefebene begann, sollte dort italienische Kräfte binden und so die schwer bedrängte Isonzofront entlasten. Dort hatten die 3. und 4. Isonzoschlacht (Oktober bis Dezember 1915) den Italienern zwar geringfügige Geländegewinne gebracht, die aber in keinem Verhältnis zu den hohen Verlusten beider Seiten standen. Zwischen der Isonzofront und der Tiroler Hochgebirgsfront bestand eine enge, funktionelle Interdependenz; das Halten der einen Front war Grundbedingung für den Fortbestand der anderen, und umgekehrt.

Die Südtiroloffensive ist ein hervorragendes Beispiel für die Kriegführung an der Italienfront und für die Probleme der österreichisch-ungarischen Führung. Gleiches gilt – was die Imponderabilien des Gebirgskrieges und dessen topographische Eigenheiten betrifft – natürlich auch für die italienischen Truppen. Zudem blieb diese Offensive in den Nachkriegsbetrachtungen meist im Schatten der Isonzoschlachten und der, zumeist punktuellen, aber ‚effektreicheren‘ Untersuchungen einzelner Aspekte des (Hoch-) Gebirgskrieges.

 

Dieter Kläy, Tagungsleiter GMS

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