Bild: Uniformrock eines Luftschutzfeldweibels, um 1937

GMS Herbsttagung 2018

03.11.2018

Thema: 100 Jahre Landesstreik

Samstag, 03. November 2018, 0945 – 1215, Universität Zürich Zentrum, Hauptgebäude Rämistrasse 71, Raum KOL-F 101

100 Jahre Landesstreik

Am 12. November 1918 streikten über 250’000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie stellten Forderungen, die heute längst selbstverständlich sind: die 48-Stunden-Woche, eine Altersversicherung und das Frauenstimmrecht. Ihnen gegenüber standen 95’000 Soldaten, die vom Bundesrat aufgeboten worden waren, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Drei ausgewiesene Fachpersonen gingen im Rahmen der GMS-Herbsttagung den Hintergründen dieses Ereignisses nach. 120 Person nahmen am Symposium teil.

Verhältnismässigkeit des Armeeeinsatzes

Hans-Rudolf Fuhrer stellte einleitend fest, dass der Ordnungsdienst in den vergangenen 100 Jahren immer wieder zur Diskussion stand, zuletzt in den Militärgesetzrevisionen der vergangenen Jahre. In der 1918 geltenden Verfassung kam der Armee die Rolle der «Handhabung von Ruhe und Ordnung im Innern» zu. Sie war das Gewaltmittel des Staates bei schwerwiegender Bedrohung. Bei der Beurteilung des Landesstreiks dreht sich deshalb vieles um die Frage der «schwerwiegenden Bedrohung». In Zürich brach der Konflikt am 10. November 1918 aus. Der General forderte vom Bundesrat, „präventiv zu handeln“. Der Streik sollte nicht zugelassen werden. Zu gross war die Furcht vor einer Revolution. Auf Drängen des Zürcher Regierungsrates bewilligte der Bundesrat 8’000 Mann. Das gleiche galt für Bern. Am 10. November 1918 kam es zum Schusswechsel auf dem Münsterhof. Füsilier Vogel wurde in den Bauch getroffen und starb an den Verletzungen. Der Schiessende konnte allerdings nie eruiert werden. Man fand lediglich heraus, dass es sich nicht um ein militärisches Geschoss gehandelt hatte. Zweifellos war die soziale Misere gross und die Unzufriedenheit der Arbeiter nachvollziehbar. Hans-Rudolf Fuhrer zog den Schluss, dass die Armee ultima ratio eingesetzt wurde, aber weder von der Ausrüstung noch von der Ausbildung her dafür geeignet war. Damals fürchteten die Entscheidungsträger revolutionäre Zustände.

Bürgertum war nicht reformresistent

Roman Rossfeld, Historiker und Leiter des Nationalfondsprojektes zum Landesstreik, setzte in seinem Referat bei den Ängsten des Bürgertums an. Das Bürgertum hatte damals die soziale Misere durchaus bemerkt und sich Reformen nicht verweigert. Die Initiative für eine AHV kam von der FDP. Es ging aber auch um Ängste, um Machtverlust, den Erhalt des liberalen Wirtschaftssystems und die Folgen des Ersten Weltkrieges, die zu grosser Verunsicherung führten. Durch den Internationalismus der Sozialdemokratie sah das Bürgertum das Konzept von Nation und Vaterland gefährdet. Nach den Kantonen änderte im Herbst 1918 auch auf Bundesebene das Nationalratswahlsystem vom Majorz zum Proporz. Vor allem die FDP sah ihren Besitzstand gefährdet. Im Oktober 1918 kam es in Zürich auch noch zum Streik der Bankangestellten. Das Bürgertum reagierte mit einer Doppelstrategie auf diese Entwicklung: Reform und Repression. Bereits im Sommer 1919 wurde die 48-Stunden-Woche verabschiedet. Der Baselstädter FDP-Nationalrat Christian Rothenberger lancierte die AHV-Initiative. In den Gesamterneuerungswahlen von 1919 versprach die FDP den Ausbau des Sozialstaates. Die Repressionsstrategie bestand in bürgerlichen Gegendemonstrationen und in der Bildung von Stadt- und Gemeindewehren, die 1918/1919 wie Pilze aus dem Boden schossen. Zudem kam es zur Gründung antikommunistischer Gruppierungen, weil man im Zeichen der internationalen Entwicklung auch einen Umsturz in der Schweiz fürchtete.

Bürgerwehren als Zeichen der Verunsicherung

Der Zürcher Historiker und Leiter des Sozialarchivs, Christian Koller, beleuchtete die Rolle der Bürgerwehren, deren Wurzeln ins 19. Jahrhundert reichen. Bei ihrer Gründung spielten Turnvereine, aber auch der SAC eine wichtige Rolle. General Ulrich Wille war ihnen sehr kritisch eingestellt. Er sah sie eher im Rahmen von Gegendemonstrationen, nicht aber als bewaffnete Truppe, die die Armee konkurrenziert. Die Zürcher Stadtwehr zählte 1919 ca. 10‘000 Mitglieder. Von der Wirtschaft wurden die Bürgerwehren als Versicherungsprämie gepriesen. Als sich die Gefahr des Umsturzes verzogen hatte, verloren die Bürgerwehren rasch an Bedeutung. Schweizer Bürgerwehren waren damals kein Einzelfall. Sie entsprachen dem gesamteuropäischen Muster und spielten vor allem in den Verliererstaaten (wie z.B. Deutschland) eine wichtige Rolle, während in den Siegermächten (Frankreich, Grossbritannien) und den neutralen Staaten keine nachhaltige Bedeutung erlangen mochten.

Dieter Kläy, Vorstand GMS, 3. November 2018

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