{"id":1252,"date":"2011-03-09T19:42:08","date_gmt":"2011-03-09T18:42:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gms-reisen.ch\/redesign\/?p=1252"},"modified":"2021-10-16T16:36:32","modified_gmt":"2021-10-16T14:36:32","slug":"bourbaki-2-durchfuhrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gms-reisen.ch\/archiv\/reisen\/gms-reisearchiv-2011\/bourbaki-2-durchfuhrung\/","title":{"rendered":"Bourbaki (1. Durchf\u00fchrung)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Bourbaki\" alt=\"Bourbaki\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/cb\/Castres-bourbaki.png\" width=\"420\" height=\"279\" \/><\/p>\n<p>Grenzbesetzung und Internierung der Bourbaki-Armee 1870\/71. Der von Frankreich erkl\u00e4rte Deutsch-Franz\u00f6sische Krieg von 1870\/71 endete mit einer Niederlage des Kaiserreiches.<!--more--> Auf die Kapitulation in Versailles (28.1.1871) folgte nur wenige Tage sp\u00e4ter, am 1. Februar, der Grenz\u00fcbertritt der franz\u00f6sischen Ostarmee (Bourbaki-Armee) in die Schweiz.<img decoding=\"async\" title=\"Weiterlesen...\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.gms-reisen.ch\/old-page\/\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/wordpress\/img\/trans.gif\" \/> Dieser Krieg und die Internierung stellten die Schweiz nicht nur vor eine milit\u00e4risch-politische und rechtliche, sondern auch vor eine wirtschaftliche, soziale und moralisch-ethische Probe. Die Bilder des Grenz\u00fcbertritts verzeichneten eine bis heute wirksame k\u00fcnstlerische Rezeption (Bourbaki-Panorama, Luzern). Sie lassen sich mit etwas Vorstellungskraft ins heutige Gel\u00e4nde legen. Die Brennpunkte des Geschehens auf franz\u00f6sischem Boden bieten Gelegenheit zur intensiven Auseinandersetzung mit den Zitadellen in Belfort und Besan\u00e7on (beide Weltkulturerbe der UNESCO) und zur Besichtigung der ber\u00fchmten Chapelle von Charles-Edouard Jeanneret dit Le Corbusier in Ronchamp.<\/p>\n<h3>Freitag<\/h3>\n<p>07.45 Abfahrt mit Bus ab Z\u00fcrich, Carparkplatz Sihlquai Fahrt \u00fcber Basel (Zusteigem\u00f6glichkeit) nach Belfort. Besichtigung der Citadelle. Weiterfahrt nach Ronchamp mit Besprechung der dreit\u00e4gigen Entscheidungsschlacht an der Lisaine. Nach dem Mittagessen Besichtigung der Chapelle Notre Dame du Haut (Le Corbusier) in Ronchamp. Danach Weiterfahrt \u00fcber Lure-Vesoul nach Besan\u00e7on. Abendessen in der Brasserie du Commerce in Besan\u00e7on. \u00dcbernachtung im Hotel de Paris, Besan\u00e7on<\/p>\n<h3>Samstag<\/h3>\n<p>Besichtigung der Citadelle von Besan\u00e7on unter kundiger F\u00fchrung. Danach Busfahrt nach Les Verri\u00e8res. Mittagessen und anschliessend Besichtigung im Gel\u00e4nde (Vergleich Bourbaki-Panorama mit der Wirklichkeit). R\u00fcckfahrt nach Z\u00fcrich (16.30 ca. Ausstiegsm\u00f6glichkeit in Biel, Bahnhof, 20.00 ca. Ankunft in Z\u00fcrich, Carparkplatz Sihlquai)<\/p>\n<h3>Reiseleitung<\/h3>\n<p>Hans Rudolf Fuhrer, PD Dr. phil., Meilen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Dr. Friedemann Pfenninger&#8217;s Reisebericht<\/h3>\n<p>Bourbaki<\/p>\n<p>An einem strahlenden Herbstmorgen fahren wir in Z\u00fcrich ab. Die Gruppe ist angenehm klein, Platz ist mehr als genug da im Car. Nachdem in Basel die letzten Teilnehmer zugestiegen sind, h\u00f6ren wir von den <i>Problemen des deutsch-franz\u00f6sischen Krieges 1870\/1871<\/i>. Was weiss man denn dar\u00fcber? Der Name <i>Bourbaki <\/i>ist zwar gerade noch bekannt \u2013 als nicht gerade lobende Bemerkung im Milit\u00e4r, wenn da an der Ordnung etwas zu bem\u00e4keln ist. Hier hat das <i>Bourbaki- Panorama <\/i>in Luzern mitgewirkt. Dort wird der Durchmarsch einer vollst\u00e4ndig <i>desorganisierten, verwahrlosten Armee <\/i>geschildert. Mit Staunen h\u00f6ren wir, dass dieser Zustand zwar f\u00fcr die Einheiten, die bei <i>Les Verri\u00e8res <\/i>die Schweizergrenze \u00fcberschritten haben, richtig ist. F\u00fcr ein Drittel der 83\u2019000 Mann, welche interniert wurden, traf diese Verwahrlosung zu. Zwei Drittel jedoch, 50\u2019000 Mann mindestens, waren teilweise noch kampff\u00e4hig. Zum Gl\u00fcck zog <i>General Justin Clinchant <\/i>\u2013 der Kommandant an Stelle von <i>Charles Denis Bourbaki<\/i>, welcher einen Selbstmordversuch machte \u2013 die <i>Internierung <\/i>einem gewaltsamen Durchbruch durch die Westschweiz, dem die Deutschen wahrscheinlich gefolgt w\u00e4ren, vor. F\u00fcr die Schweiz ergab sich daraus eine <i>Bew\u00e4hrungsprobe <\/i>besonderer Art: die Internierung dieser gewaltigen Truppenmassen, welche sich \u00fcberraschend geordnet vollzog. Noch \u00fcberraschender war die individuelle Liebest\u00e4tigkeit der Schweizerinnen und Schweizer.<\/p>\n<p>Mitte M\u00e4rz 1871 kehrten die Internierten nach Frankreich zur\u00fcck. Ganz alle sahen ihr Vaterland allerdings nicht wieder. 73 in der ganzen Schweiz verstreute Denkm\u00e4ler sind Zeugen davon, dass viele an Ersch\u00f6pfung und den mitgebrachten Krankheiten hier starben.<\/p>\n<p>Es ist schon recht heiss, wie wir vor der <i>roten Festung Belfort <\/i>aussteigen. Das Licht der noch nicht sehr hoch stehenden Sonne wirft sanfte Schatten in das in mehreren Stufen zu uns hernieder fliessende, sauber gem\u00e4hte Glacis. Ein wunderbarer Anblick. Aus dem satten Gr\u00fcn steigen die roten Mauern, jetzt noch im Schatten liegend.<\/p>\n<p>Es ist schon so: Ich habe mir den <i>Fluss Lisaine <\/i>etwas respektabler vorgestellt. Nun ist er nur ein schmales Wasser. In mehreren Versuchen wollte General Bourbaki den \u00dcbergang erzwingen, um die von <i>General August Graf von Werder <\/i>belagerte Festung Belfort zu entsetzen. Es gelang ihm nicht. Die Festung Belfort, der langen Belagerung wegen von Kriegsmitteln entbl\u00f6sst, konnte ihren Kameraden keine Hilfe leisten.<\/p>\n<p>Kaum einmal auf dieser Reise sind wir vom Thema so weit entfernt wie beim Mittagessen. War die Versorgungslage der Bourbaki-Armee nicht mehr als prek\u00e4r? Lagen die Temperaturen nicht weit unter dem Gefrierpunkt? Und wir schlemmen uns durch eines der vorz\u00fcglichsten Mittagessen, das ich je genossen habe. Und das bei hochsommerlichen Temperaturen. Die Bourbakis h\u00e4tten Augenwasser bekommen, wenn sie nur davon getr\u00e4umt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Ein leichter Regen k\u00fchlt uns ab, wie wir zum Car zur\u00fcck wandern. Wir h\u00f6ren einiges \u00fcber die Kirche <i>\u00abNotre Dame du Haut\u00bb <\/i>von Ronchamp. Sie ist Wallfahrtsort sp\u00e4testens seit dem 11. Jahrhundert. Die zuletzt gebaute Kirche wurde 1944 durch Artillerie zerst\u00f6rt. Gesucht wurde nach dem Krieg ein <i>f\u00e4higer Kirchenbauer<\/i>. Weshalb man gerade auf den Atheisten <i>Le Corbusier <\/i>verfiel, ist unklar. Vielleicht wollte man nach diesem zerst\u00f6rerischen Krieg einfach etwas Neues. Einen Bruch mit der Vergangenheit. Und Corbusier schuf wahrhaftig Neues.<\/p>\n<p>Der Anblick vom steil ansteigenden Weg her ist faszinierend. Die geschwungene Wand, \u00fcbergehend in das in die H\u00f6he zeigende Dach, ist packend. Dieser Zug in die H\u00f6he ersetzt den Kirchturm einer konventionellen Kirche. Die zu Lichtsch\u00e4chten gewordenen T\u00fcrme leisten das nicht. Ein faszinierendes Bauwerk. Aber ob es auch eine Kirche ist?<\/p>\n<p><i>Besan\u00e7on <\/i>empf\u00e4ngt uns sehr unfreundlich. Der Regen prasselt auf das Dach des Cars, der sich durch schmale Gassen und enge Kurven qu\u00e4len muss. Ich staune \u00fcber die Geschicklichkeit des Chauffeurs. Kein Wetter f\u00fcr den vorgesehenen Stadtrundgang, daf\u00fcr bestens geeignet f\u00fcr ein ausgiebiges Nickerchen.<\/p>\n<p>Nach einer von stetig kl\u00f6pfelndem Regen durchzogenen Nacht sind wir gespannt auf die <i>Festung <\/i>von Besan\u00e7on. F\u00fcr den Moment hat es zu regnen aufgeh\u00f6rt. Mit etwas Fantasie k\u00f6nnen einige blaue Flecken am Himmel ausgemacht werden. Das blauste Wunder jedoch erlebe ich, als ich auf die Temperaturangabe schaue: 12 Grad. 16 Grad betr\u00e4gt der Temperatursturz. Wir sind den Bourbakis schon etwas n\u00e4her gekommen &#8230;<\/p>\n<p>Nach einer langen Kletterfahrt auf einem durch die H\u00e4user angelegten Gebirgspfad \u2013 f\u00fcr mehrere Kurven reicht der Einschlag des Cars nicht aus \u2013 erreichen wir den Parkplatz gerade unterhalb der imposanten ersten Festungsmauern. Durch das pomp\u00f6se, feierliche Tor gelangen wir auf den recht steilen Weg, der zum inneren Eingang f\u00fchrt. Wir treffen unterwegs den <i>Festungsbaumeister Vauban <\/i>pers\u00f6nlich an, einen Riss studierend \u2013 allerdings nur in Eisen. Auch er, mit wallender Allongeper\u00fccke, vermittelt etwas von der pomp\u00f6sen Feierlichkeit.<\/p>\n<p>Zwischen hohen und schweren Festungsmauern hindurch gelangen wir zur Br\u00fccke, die zum oberen Tor hin\u00fcber f\u00fchrt. Im tiefen, aus dem Felsen heraus geschlagenen Graben sind drei kleine Paviane auf der interessanten und wohl auch erfolgreichen Suche nach etwas Essbarem. Die Festung ist gleichzeitig ein Zoo, und so sind denn auch von den ca. 100\u2019000 Besuchern jedes Jahr 75 % Kinder.<\/p>\n<p>Eine Festung wie diese oder auch wie Belfort ist weder zu fotografieren noch zu beschreiben. Man muss sie erwandern, ihre Dimensionen erf\u00fchlen. Von der Mauer aus hat man einen wunderbaren Ausblick auf ein St\u00fcck des Doubs \u2013 der in einem Dreiviertelkreis Festung und Stadt Besan\u00e7on umschliesst \u2013 und einen kleinen Ausschnitt der alten Stadt, welche auch befestigt ist. Im Grunde genommen sind wir ja auf den Spuren der Bourbaki-Armee, welcher wir nun nach vielen bereichernden Umwegen und Abschweifungen wieder konzentriert folgen, und zwar jener Abteilung, die auf dem Bourbaki-Panorama in Luzern dargestellt ist und ihr ein schlechtes Image verliehen hat. Vor uns auf der schroffen Anh\u00f6he, welche die enge Klus begrenzt, liegt das <i>Ch\u00e2teau de Joux<\/i>, das dem Korps Werder die Verfolgung erschwert und mit seiner Abwehr den R\u00fcckzug der Bourbakis erleichtert hatte. Dabei musste die Abwehrfront umgekehrt werden: Die Festung sollte Angriffe von der Schweiz her abwehren, nun aber kam der Feind aus Frankreich. Durch viele Kurven windet sich die Strasse durch die Klus und das folgende, meist enge Tal. Hier m\u00fcssen sich also diese Menschen hinauf gek\u00e4mpft haben: Schritt f\u00fcr Schritt durch tiefen Schnee und bei eisiger K\u00e4lte. Mit letzter Kraft der Grenze entgegen, mutlos, verwirrt. Mit nur einem Ziel: das \u00dcberleben. So wie es das Bourbaki- Panorama in Luzern zeigt.<\/p>\n<p><i>Text : Dr. Friedemann Pfenninger (Z\u00fcrich)<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grenzbesetzung und Internierung der Bourbaki-Armee 1870\/71. 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