Die Rolle des Militärs in politischen Übergangsphasen – drei Beispiele aus der Schweiz von Beginn bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts
Die Tagung fand in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaften (SVMM) statt.
Referenten
- Dr. Dieter Kläy, Vorstandsmitglied der GMS, Tagungsleiter
- Jean-Marc Hochstrasser, lic. phil. I, Bibliothekar der MILAK, Vorstandsmitglied SVMM
- Derck Engelberts, Dr. phil. I, Mitglied SVMM
- Dominique Andrey, Korpskommandant a D, Präsident SVMM
Der Bericht des Tagungsleiters
Die Rolle des Militärs in politischen Übergangsphasen
Die eidgenössischen Truppen, die eidgenössischen Schützen- und Turnfeste aber vor allem die Miliztätigkeit vieler regionaler Leistungsträger hat im 19. Jahrhundert massgeblich zur Bildung des Schweizer Bundesstaates beigetragen. Die Grundlage für diese Entwicklung liegt auch im Söldnerwesen, das mit der Reisläuferei ab ca. 1200 bis zum Verbot durch den Bundesrat 1859 eine wesentliche Rolle spielte. Vor rund hundert Zuhörenden referierten der Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaften SVMM, der ehemalige Korpskommandant Dominique Andrey, und mit ihm die beiden SVMM-Mitglieder Derck Engelbrechts und Markus Hochstrasser.
Jean-Marc Hochstrasser, Bibliothekar der Militärakademie an der ETH MILAK, gab einen historischen Überblick über die Entwicklung der Schweizer im ausländischen Solddienst. Von 1200 bis 1520 stand die Reisläuferei, die sich relativ unkontrolliert verbreitete, im Vordergrund. Mit den Kantonen übernahm der Staat zwischen 1520 und 1650 die Kontrolle. Die Heimatkantone nahmen die Schweizer Söldner unter Vertrag und stellten sie als Truppe den fremden Staaten für eine gewisse Zeit zur Verfügung. Später dienten die Schweizer in ausländischen Berufsarmeen, bis ab 1815 das Söldnerwesen im Niedergang begriffen war. Neben Sizilien und den Niederlanden war Frankreich der wichtigste Abnehmer für Schweizer Söldner. Die Schweizer Regimenter kamen vor allem als interne Polizeitruppe zum Einsatz. Für Kriegstruppen waren sie zu teuer und zu gut, als dass die Könige sie in den Schlachten verheizten. Indirekt war das Söldnertum für die Schweiz auch eine Art Versicherung. Die Staaten, in denen die Schweizer Söldner im Dienst standen, hatten Skrupel, die Schweiz anzugreifen. Es gab auch Vorteile. Frankreich hob die Importzölle für Schweizer Produkte auf. Ab 1480 kamen die Truppen in den Genuss von Steuerbefreiung. Nach der französischen Revolution gab es zwischen 1792 und 1798 für kurze Zeit keine Söldner mehr. Unter Napoleon wurde 1798 die Schweiz zu einem Bündnis mit Frankreich gezwungen und musste 18’000 Mann stellen.

Derck Engelberts zeichnete die Entwicklung der Schweiz unter Napoleon nach. Anfang 1798 setzte Frankreich einen Aktionsplan zum Schutz der Waadtländer um. Am 24. Januar 1798 wurde die République lémanique gegründet. Die Franzosen marschierten am 28. Januar 1798 in Lausanne ein. In den bernischen Vogteien wurden die Franzosen als Befreier empfunden. Die Truppen von Solothurn und Freiburg kapitulierten. Am 3. März 1798 schaffte Bern des Ancien régime ab. Bereits am 4. April 1798 gab es keine Untertanengebiete mehr. Doch das Direktorium in Paris begnügte sich nicht mit der Freiheit der Kantone, sondern wollte auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft einen Einheitsstaat mit einer Währung und einer zentralen Armee errichten. Geschaffen wurden administrative Distrikte. Unter teils grossen Widerstanden setzten sich die französischen Truppen durch. Opfer der französischen Operation waren die demokratischen Kantone, die eine neue Ordnung übernehmen mussten. Nur Neuenburg blieb vorderhand unabhängig.

Gemäss Dominique Andrey waren Milizarmee und Geographie des Landes zentral für die weitere Entwicklung. Seit dem Mittelalter existieren die Kantone in klar definierten Räumen. Ab dem 13. Jahrhundert verbündeten sie sich mit Verträgen, die einerseits der Vermeidung der gegenseitigen Konflikte, andererseits aber auch dem Schutz von Angriffen von aussen dienten, mit anderen Kantonen. Jeder Kanton behielt seine Eigenheiten. Aus 3 wurden 8 und dann 13 Kantone. 1798 wurden sie durch Frankreich zu Verwaltungseinheiten zurückgestuft. Mit der Mediationsverfassung von 1803 bekamen sie wieder eine relative Autonomie. Das damals bereits existierende Milizsystem war die Befähigung der Bürger, neben dem Beruf einen Dienst zum Wohle der Gemeinschaft zu leisten. Dieses Prinzip wurde seit dem Mittelalter für die Verteidigung angewendet, da die Kantone kein Geld für eine stehende Armee hatten.

Nach dem Ende der napoleonischen Kriege 1814 wurden am Wiener Kongress gegenüber der Schweiz drei Bedingungen formuliert:
- Klare Landesgrenzen mit Eingliederung von drei Kantonen und das Fürstbistum Basel. VS, GE und NE wurden gezwungen, der Eidgenossenschaft beizutreten.
- Die Fähigkeit, auf internationaler Ebene mit einer einzigen Stimme zu sprechen
- Zudem wurde verlangt, dass eine wirksame Verteidigungsfähigkeit organisiert wird. Davon kommt der Begriff der bewaffneten Neutralität.
Diese Verpflichtungen zwangen die Kantone sich zu einigen. 1815 wurde ein Bundesvertrag abgeschlossen und 22 Kantone schlossen sich zur Eidgenossenschaft zusammen. Die Kantone waren rechtlich gleichgestellt, blieben innerhalb ihrer Grenzen aber souverän. Nur noch die Tagsatzung konnte mit dem Ausland verhandeln. Intern blieb die Schweiz zersplittert. Eine nationale Armee gab es nicht. Man wollte keine Zentralisierung. Eine Diskussion rund um eine Berufsarmee oder eine Milizarmee gab es schon damals. Die Kantone wurden zu Kontingenten verpflichtet und mussten ihre Truppen selbst ausbilden und ausrüsten. Geführt wurden sie von pensionierten Söldnern, vorab in den katholischen Kantonen.
Mit dem Bundesvertrag von 1815 blieb die Schweiz zerstritten. Binnengrenzen und unterschiedliche Währungen behinderten den Handel. 1820 beschoss die Tagsatzung die Gründung einer Zentralmilitärschule für die Offiziersausbildung und die Abhaltung von eidgenössischen Übungslagern. Damit war der Grundstein für einen kantonsübergreifenden Austausch gelegt. Neben der Tagsatzung traf man sich damals nur noch in der eidgenössischen Armee. Diese überkantonalen Kontakte regten dazu an, sich auch ausserhalb des Dienstes zu treffen. So entstand 1833 die eidgenössische Militärgesellschaft (heute Schweizerische Offiziersgesellschaft). Ab 1824 wurden eidgenössische Schützenfeste durchgeführt, ab 1832 Turnfeste.
Mit dieser Entwicklung wuchsen die Spannungen zwischen den konservativen Kantonen und den liberalen und reformierten Kantonen. Freischärler mischten sich in die politischen Händel ein. Die Tagsatzung musste für Ordnung sorgen. Als 1845 sieben Kantone den Sonderbund schlossen, um gemeinsam ihre Interessen gegenüber den liberalen Kantonen zu verteidigen, verstiess das gegen den Bundesvertrag von 1815. 1847 beschloss die Tagsatzung unter dem Vorsitz von Ulrich Ochsenbein, den Sonderbund mit Gewalt aufzulösen. Um das durchzusetzen, wurde die eidgenössische Armee aufgeboten. Es war ein politischer und kein militärischer Beschluss. Im Sonderbundskrieg standen im Herbst 1847 98‘600 Mann der Tagsatzungsarmee gegen 84‘900 Mann der Sonderbundsarmee gegenüber. Der Umsicht Dufours ist es zu verdanken, dass die Kapitulation der Sonderbundsarmee nicht zu Racheaktionen führte. Es galt auch die Einheit herzustellen, zumal die europäischen Nachbarländer mit einer Intervention gedroht hatten. 1848 machte sich die Tagsatzung an die Arbeit. So wurde aus dem Staatenbund der Bundesstaat. Die Post wurde zentralisiert, die Währung und die Masse und Gewichte vereinheitlicht, die Zölle abgeschafft und die Armee wurde zum Instrument der Eidgenossenschaft. Das Milizsystem wurde beibehalten und die allgemeine Dienstplicht eingeführt. Die Kantone behielten ihre Eigenheiten.
Die erste Hälfte des 19. Jahrhundert führte in der Schweiz zu grossen Veränderungen. Diese Veränderungen waren aber nicht das Resultat von Staatsreichen und Revolutionen, aber auch nicht das Ergebnis langer demokratischer Prozesse. Es waren weniger die Militärs, die diese Veränderungen beeinflussten, als vielmehr engagierte Bürger, die auch im Militär waren, wozu das Milizsystem entscheiden beigetragen hat.
Dieter Kläy
Stephan Gubler’s Bilder der Frühjahrstagung
Aktualisiert am 15/04/2026




